Indigene Weberinnen assoziieren mit dem Webgerät, den darauf installierten Ketten und dem entstehenden Textil die Einheit einer Mutter mit ihrem Kind. Die Trennung des Textils vom Webgerät entspricht dem Geburtsvorgang. Textilien wird eine Wesenhaftigkeit zugeschrieben. Das Zerstören oder Beschädigen eines Textils wird als massive persönliche Bedrohung seiner Eigentümerin oder seines Eigentümers aufgefasst. Zur Bannung der Gefahr müssen unverzüglich Rituale durchgeführt werden.
Diese Konzepte dieser Art sind zeigen die Erfahrung der Welt über körperbezogene Parámeter.
Von allen in Upinhuaya produzierten Textilien ist das Schultertuch der Frauen das Gewebe mit der dichtesten Komplexität an kosmologischen Inhalten. Die darauf zu beobachtenden Darstellungen sind der Definition Umberto Ecos (1977:60-63, 137-147, 170) folgend, Ikone eines Kommunikationssystems. Sie bilden ein visuelles Gefüge der von Upinhuayeños benützten kognitiven Grammatik. Sie beziehen sich auf abstrakte Vorstellungen und Kenntnisse, die zugleich körperliche Fertigkeiten sind (Godelier 1990:142). Auf diese Weise formen sie nichtsprachliche Mittel um den idellen Anteil der Produktivkräfte auszudrücken und damit zu tradieren (Godelier 1990:142).
Analysiert man die Darstellungen und deren Konstellationen eines Awayu, dann erkennt man im symmetrischen Streifen-Layout breite und schmale Streifen mit und ohne Figuren und Ornamente. Weiters sind die Teile beidseits der zenralen Naht symmetrisch zueinander. Jeder von ihnen weist einen breiten einfärbigen Streifen ohne Darstellungen als Nebensymmetrieachse auf. Dieser Streifen wird Pampa, Hochebene, genannt. Die nächst schmäleren Streifen mit einer dünnen Mittellinie sind der Körper, Cuerpu des Gewebes.
Jeweils ein breiter Streifen mit Darstellungen, ein Pallay, wirkt als Nebensymmetrieachse zweier Cuerpus. Die Figurenbänder können Aufgrund der Darstellungen dem oberen Bereich des Kosmos, dem Bereich Alaya Pacha, zugeordnet werden. Die Streifen ohne Darstellungen korrelieren mit dem Bereich des Hier und Jetzt, Aka Pacha. Während beim Weben die dreidimensionale Welt in ein zweidimensionales Bild transferiert wird, so findet beim Lesen eines solchen der umgekehrte Vorgang statt. Die zweidimensionale Darstellungsweise entfaltet sich zur dreidimensional decodierbaren Information.
Die schematische Darstellung eines Awayu (Zeichnung Eva Fischer mit Figuren nach Louis Girault 1969:36) und der Schlüssel zu seiner Decodierung. Die beiden Bereiche von Alaya Pacha (rote Linien), der Ober-Welt und Aka Pacha (grüne Linien), der Welt des Hier und Jetzt, ergänzen einander zu einem Landschaftsbild. Dieses beinhaltet mittels der Darstellungen von Bergen und Hochebenen Hinweise auf die kultivierte und auf die unkultivierte Natur und damit auf die unmittelbare Gegenwart (System schwarzer Linien unter der schematischen Darstellung, rote und grüne Linien als Orientierungshilfen). Die Bänder mit Figuren und Ornamenten weisen eine direkte Beziehung zum Firmament auf, zur Ober-Welt, dem Reservoir alles Seienden, der Vergangenheit und der Zukunft.
Sequenz des komplex angelegten Layouts eines Bandes mit figürlichem Dekor. Dieses zeiget eine Sonne als dominierendes Element mit drei Hirsch-Darstellungen im Zentrum. Die Sonne wird als männliches Wesen und Verantwortlicher für die grundlegenden Lebensbedingungen betrachtet. Das Phänomen der Sonnenfinsternis stellt eine ernsthafte Bedrohung der menschlichen Existenz dar. Der Hirsch ist ein mit den Ahnen verbundenes Wesen. Sein Erscheinen weist auf zukünftiges Glück hin. Foto: Eva Fischer. |