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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 5 Kultur, Macht, Identität
 up 5.4 Eva Fischer: Andine Textilien als Ausdruck von Kultur und Weltbild: Webtraditionen in Upinhuaya

5.4.3 Textile Dimensionen sozio-ökonomischer Aspekte

Spinnen und Weben ist Frauenarbeit. Männer teilen mit den Frauen das Wissen um die Fertigkeiten textiler Produktion. Sie selbst stellen Dochtfäden zum Flechten der Alpakaseile her. Manche Männer wechseln die Geschlechterrolle und legitimieren ihren neuen weiblichen Status durch handwerklich perfekt gefertigte Webarbeiten.

Weben verlangt von den Frauen ein starkes Rückgrat. Mädchen weben ihren ersten eigenen Gürtel mit etwa 12 Jahren in der komplexen Komplementärketten-Technik. Dabei instruieren ihre Mütter indem sie die einzelnen Litzen mit klassifikatorischen Verwandtschaftstermini belegen. Deren Anordnung entspricht den unterschiedlichen Graden von verwandtschaftlicher Nähe. Die Mädchen lernen die Bewegungsabläufe durch memorieren der Besuche/Manipulation bei einzelnen Verwandten/Litzen. Die Unterweisungen durch die Mutter, die Grossmütter oder Tanten führen zur Aneignung immer komplexerer Techniken mit ausgefeilten figürlicher Darstellungen.

Durch Webarbeiten manifestieren Frauen ihren sozialen Status. Sie drücken damit ihre Eigendefinitionen von Altersklasse und sozialer Rolle aus. Dies geschieht durch die farbliche Gestaltung der als "Körper" bezeichneten, breiten Streifen mit einem schmalen zentralen Orientierungsstreifen:

  • kräftiges Rosa – jung, unverheiratet
  • Hellrot – verheiratet, eventuell mit Kind
  • sattes Rot – noch vor der Menopause
  • dunkles Rot – nach der Menopause
  • Schwarz/Schwarz mit weinrotem Schimmer - betagt
Männer in Ponchos

Textilien festigen die Beziehungen und den Austausch unter weiblichen Verwandten. Besonders gelungene Webereien werden kopiert. Dies führt mitunter zu deutlichen, nach Familien unterscheidbaren Präferenzen der Darstellungen und Darstellungsweisen. Jede dörfliche Gemeinschaft entwickelte eine spezifische farbliche Codierung der Lokalgruppe.

Soziale Bindungen unter Partnern werden durch Geschenke in Form von Textilien ausgedrückt. Mütter weben für ihre Kinder die ersten Gürtel, Stirnbänder und Ponchos. Junge Frauen schenken ihren Geliebten Kokatäschchen und Gürtel. Spätestens nach dem ersten gemeinsamen Kind werden Ponchos und Capachus für die Männer produziert.

Die Beschaffung der Rohmaterialien beruht auf Verbindungen im weitverzweigten System realer und fiktiver Verwandter. Vor allem der aus dem Bein eines Alpaka hergestellte Webknochen zum Anschlagen der Kette und die Alpakawolle als Rohmaterial des Eintragszwirnes müssen von Verwandten aus höher gelegenen Dorfgemeinschaften beschafft werden.

Rituelle, fiktive Verwandte sind ebenfalls potentielle Empfänger oder Geber von Textilien. Dieser Umstand wird von einigen Grossgrundbesitzern Charazanis ausgenützt. Über die Ausläufer eines feudalen Systems fordern sie kostbare Textilien für simple Verwaltungsdienste ein. Sodann werden die Gewebe auf dem nationalen und internationalen Mark um ein Vielfaches des Erstehungswertes angeboten.

Textilien bilden wichtige Kommunikationskanäle zu den Ahnen und sie spielen eine zentrale Rolle in Ritualen.

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