Bilderhandschrift der Kuna (ca. 1920)
Die enge Verbindung von molas und Frauen kommt in einer Mythe zum Ausdruck, welche von den Herkunft der molas und ihren Herstellungstechniken erzählt. Sie handelt vom Besuch einer Frau in einem kalú, einem mythischen Ort in entlegenen und gefährliche Zonen der Landschaft, etwa auf Berggipfeln, am Meeresgrund oder in einer schwer zugänglichen Schicht des Kosmos. Dort wohnen spirituelle Wesen in mehrstöckigen Gebäuden: Sie können den Menschen ihr Wissen und ihre Kräfte zur Verfügung stellen, ihnen aber auch großen Schaden zufügen. In einem kalú wohnen auch die Herren der Tiere, die Fische und Jagdwild in großen Gehegen halten und immer wieder einen Teil der Tiere den Menschen als Nahrung überlassen.
Ein kalú, der kalú Tuipis, beherrscht die Lebenswelt der Frauen und ist ausschließlich weiblichen Wesen zugänglich:
Die molas kommen aus kalú Tuipis.
Nach kalú Tuipis konnten keine Männer gelangen,
sie konnten dort nicht eindringen,
Es ist ein sehr gefährlicher Ort.
Dort leben die Meisterinnen der Scheren.
Es sind sehr schöne Frauen,
sie ließen es nicht zu, dass ein Mann ihr Haus betrat,
nicht einmal ein Schamane.
Wenn sich ein Mann den kalú Tuipis näherte,
trat eine der Frauen heraus.
Sie verführte den Mann,
er wurde zu ihren Ehemann,
dann schickte sie ihn zurück in sein Dorf
ohne das er ihr Haus betreten hatte
Schließlich schickten die Leute Olonaguedili aus,
sie war die Tochter eines Schamanen.
Sie durfte kalú Tuipis betreten.
Sie trat ein und sah alles, was es drinnen gab.
Sie war die erste, die die Baumfrauen sah,
Bäume, die wie Frauen aussahen.
Sie war die erste, die die Muster der molas sah,
sie sah wie einige Frauen die Stoffe zuschnitten
und wie andere Frauen nähten.
Es gab einen riesigen Tisch
mit großen Werkstücken.
Als sie zurückgekehrt war
unterwies Olonaguedili ihre Töchter:
solche Muster gibt es, das macht man so,
und so näht man.
Die Frauen kamen und fragten sie.
Und deshalb nennen sie Olonaguedili heute ihre Mutter.
Die molas wurden in kalú Tuipis geboren.
(Perrin 1997: 178-179)
Betrachtet man die Mythe im Licht der relativ jungen Entstehungsgeschichte der molas so wird eine wichtige Eigenschaft von Mythen deutlich: ihre Anpassungsfähigkeit an Veränderungsprozesse. So wurden hier Objekte, die neuerdings großen Stellenwert in der Kultur der Kuna erlangten, kreativ in der flexiblen und wandelwaren Korpus der Mythen integriert. Damit werden sie zu einem "zeitlosen" Element des kulturellen Bedeutungsgefüges und können als "traditionelles" Symbol für die Identität der Kuna fungieren. |