Diese Arbeit soll ein Versuch sein, das Frauenbild in Gusindes Ethnographien zu ergründen. Ein solches Bild ist das Ergebnis eines Beobachtungs- und Interpretationsprozesses. Der Ethnograph ist dabei auf jeden Fall mitbeteiligt. Ohne Wissen um dessen Herkunft und ideologische Orientierung sind daher keine Sinn gebenden Erklärungen zu finden. Wer war also dieser Forscher?
Gusinde war zuallererst einmal Mitglied des SVD-Ordens, aber er war auch ein begeisterter Ethnologe, ein studierter Theologe, ein Mitarbeiter Pater Wilhelm Schmidts und ein Kind seiner Zeit. Diese verschiedenen Einflüsse wirkten alle auf sein Denken, sein Arbeiten und sein Schreiben ein. Daher ist ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, wenn man sich mit Gusindes Werken auseinandersetzt.
„Wie sah Martin Gusinde die Frauen?“ Diese Frage scheint auf den ersten Blick sehr einfach beantwortbar zu sein, tatsächlich ist sie das keineswegs. Natürlich könnte man sich hinsetzen, die Werke des Missionars nach diskriminierenden oder gar frauenfeindlichen Passagen durchstöbern, um diese dann zu Papier zu bringen, versehen mit feministisch-ethnographischer Kritik an den Unzulänglichkeiten seiner Aufzeichnungen. Natürlich wäre es einfacher, die Ethnographien Gusindes am heutigen Maßstab zu messen. Mängel (vor allem bei feministischen Fragestellungen) ließen sich so zuhauf finden. Doch solch ein Vorgehen würde den Schriften Gusindes nicht gerecht werden. Seine Werke sind mit anderen Augen zu lesen, als Texte zeitgenössischer Wissenschafter. Eine andere Betrachtungsweise ist vonnöten.
Und so ist auch schon die Absicht dieser Arbeit offen gelegt. Gusindes Beschreibung der Feuerlandindianer soll nicht losgelöst vom geistigen und historischen Hintergrund des Autors untersucht werden. Zudem soll der Umgang mit seinen Forschungsergebnissen von Respekt für seine Arbeit gekennzeichnet sein. Martin Gusinde hat bei seinen Feldforschungen Außerordentliches geleistet.
Trotz des Bemühens um wissenschaftliche Exaktheit, hat er keine Kluft zwischen ihm und den Beforschten entstehen lassen. Sich seinen Ethnographien nur mit sturem feministischen Blick zu nähern, vielleicht von der Gesinnung getrieben, die Sichtweise dieses altvatrischen Gelehrten mit Kritik zu bombardieren, wäre zum Einen einseitig, zum Anderen unfair. Diese Arbeit ist keine feministische Suchexpedition durch die Vorstellungswelt des Mängelwesens Gusinde. Stattdessen soll die Herangehensweise eine durchwegs positive sein. Nicht die Frage wie weit Gusinde vom Ideal einer feministischen Beschreibung entfernt war wird hier gestellt, die Frage lautet: Wo und auf welche Weise nähert oder bedient sich der Autor einer Methode bzw. einer Sichtweise, die als feministisch eingestuft werden kann? |