Die Geschichte Kolumbiens zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus: Da ist einerseits die lange zurückgehende politische Dominanz zweier traditioneller Parteien, nämlich der Liberalen und der Konservativen Partei, die es anderen Parteien seit jeher schwer machte sich durchzusetzen; andererseits die deutliche Vorherrschaft der zivilen Elite über die militärische; zudem kommt die Tendenz, Gewalt stets aufs Neue als Mittel politischer Auseinandersetzungen einzusetzen und dennoch beim demokratischen System zu bleiben. Die zahlreichen Bürgerkriege, bei denen hundert tausende Kolumbianer gestorben sind, geben Zeugnis dafür ab.
Kolumbien wurde 1819 als Teil Groß-Kolumbiens unabhängig. Nachdem sich dieser Großstaat, der die heutigen Staaten Venezuela, Ecuador, Panama und Kolumbien umfasste, 1830/1831 aufgelöst hatte, wurde Kolumbien selbständig. Lediglich Panama blieb bis 1903 Teil Kolumbiens.
Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die Liberale und die Konservative Partei. Obwohl sie sich vorwiegend um die Interessen der Oberschicht kümmerten, gelang es ihnen in der breiten Bevölkerung Fuß zu fassen, was zum Teil in zwischen den beiden Parteien ausgetragenen Bürgerkriegen lag. Die Differenzen lagen eher in persönlichen als inhaltlichen Auseinandersetzungen, wie sich bei der Durchsetzung der konservativen Verfassung von 1886 zeigte, die von den Liberalen gebilligt wurde. Programmatische Unterschiede gab es lediglich, soweit die Katholische Kirche betroffen war, wobei sich die Konservativen proklerikal gaben, die Liberalen hingegen antiklerikal). Diese Spaltung zog sich in starkem Ausmaß durch die gesamte kolumbianische Gesellschaft.
Im 20. Jahrhundert erlangten soziale Ideen auch in der Liberalen Partei Bedeutung, die sich nun aufgrund der dringend zu lösenden sozialen Probleme zu einer Mehrheitspartei entwickelte. Das zeigte sich unter der Regierung von Alfonso López Pumarejo (1934-1938), als Sozialreformen durchgeführt wurden. In diese Zeit fiel auch die Gründung von Gewerkschaften.
Wenngleich in der Geschichte Kolumbiens bereits bis dahin immer wieder Bürgerkriege geführt worden waren, entstand in den Jahren von 1948 bis 1958 eine Sondersituation: der damals geführte Bürgerkrieg wurde in unvergleichbarer Gewalt ausgetragen und ist bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Bekannt wurde dieser Krieg unter dem Namen „Violencia“. Ca. 200.000 Menschen kamen dabei ums Leben.
War es bis 1958 meist nur dann zu einem Machtwechsel gekommen, wenn die jeweilige Regierungspartei gespalten war, begann damals ein neues System, indem sich die beiden Parteien auf eine Teilung der Macht einigten: Von nun an sollte die Präsidentschaft alle vier Jahre zwischen den beiden Parteien gewechselt werden. Ebenso wurden die Parlamentssitze, Kabinettsposten, politische Verwaltungspositionen sowie die Gerichtssitze aufgeteilt. Hintergrund war die Gefahr, dass das Militär an politischer Bedeutung gewinnen könnte, was sich durch die Präsidentschaft Generals Gustavo Rojay Pinilla (1953-1957) bestätigt hatte. Erst während der Präsidentschaft von Virgilio Barco (1986-1990) wurde auf diese informelle Teilung verzichtet, indem man eine Koalition einging.
Durch die Gründung zweier bedeutender Guerrilla-Gruppierungen, die das Land immer mehr ins politische Chaos stürzten aber auch außenpolitisch durch Verbindungen zur Drogenmafia in Bedrängnis brachten, mehrten sich die Gewaltexzesse. Die Einmischung anderer Staaten, wie der USA, verschlimmerte vor allem die Situation der Bevölkerung, die zum Spielball unterschiedlicher Interessen wurde. Ein Zustand, der sich bis heute nicht verändert hat.
(Krumwiede, Heinrich-Wilhelm / Stockmann, Reinhard: Kolumbien. In: Waldmann, Peter/ Krumwiede, Heinrich-Wilhelm (1992, 3. Aufl.): Politisches Lexikon Lateinamerika. C.H. Beck: München: 188-201) |