Kolumbus gab der Antilleninsel 1942 den Namen Española. Die indigenen Bewohner hingegen nannten die Insel Haiti (= Bergland). Die Kolonialzeit teilte die Insel in zwei Teile. Der spanische Westteil wurde von den Nachfahren französisch sprechender Freibeuter besiedelt und entwickelte sich zu einem eigenständigen Territorium. 1967 trat Spanien dieses Gebiet schließlich an Frankreich ab. Die andere, „Saint Domingue“ genannte, Kolonie bildete hingegen den wirtschaftlichen Mittelpunkt des französischen Kolonialreiches.
Während der Französischen Revolution begannen sich die afrikanisch-stämmigen Bewohner mit Aufständen gegen die Unterdrücker zu wehren und erstritten unter Jean-Jaques Dessalines ihre Freiheit. 1804 wurde das unabhängige Haiti ausgerufen und Jean-Jaques Dessalines zum Kaiser proklamiert. Der Kampf um die Unabhängigkeit Haitis wurde schließlich zum Vorbild im Prozess der Entkolonialisierung der Länder Lateinamerikas und Afrikas. Die gesellschaftlichen Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen setzten sich allerdings fort. Nach der Ermordung Jean-Jaques Dessalines im Jahre 1807 zerfiel Haiti in zwei rivalisierende Staaten, einen nördlichen, autokratisch regierten Staat unter Henri Christophe und eine südliche Republik unter Alexandre Pétion. Jean-Pierre Boyer, Pétions Nachfolger, gelang es, die zwei Staaten wieder zu vereinigen. Boyer weitete schließlich 1822 die Herrschaft Haitis auf die gesamte Insel aus. Erst 22 Jahre später (1844) erhoben sich die spanischen Bewohner des Gebietes des alten „Saint Domingue“ und gründeten die Dominikanische Republik. Diese Phase zwischen 1822 und 1844 stellt bis heute einen unverarbeiteten Teil der Geschichte beider Staaten dar und ist Basis tiefgehender Konflikte, unter denen vor allem die haitianischen EinwandererInnen leiden.
Die Geschichte Haitis im 19. und 20. Jahrhundert wurde durch instabile Regierungen und soziale Konflikte gekennzeichnet. Die Ermordung des Präsidenten J. V. G. Sam gab den USA 1915 den Anlass, Haiti zu besetzen. Die militärische Besetzung von 1915-1934 diente allerdings vorwiegend der Sicherung von Interessen der USA statt der Befriedung. Der amerikanischen Besetzung folgten relativ schwache Regierungen. Erst die „schwarze Revolution“ unter Präsident Dumarsais Estimé ermöglichte erstmalig die Einführung einer Sozialgesetzgebung. Nach einer Periode politischer Instabilität wurde 1957 François Duvalier, später Doc genannt, zum Präsidenten gewählt. Er setzte die afrokaribischen Volkstraditionen populistisch für seine politischen Ziele ein und erhielt dafür den Zuspruch eines Teils der Bevölkerung. Er nutzte die ethnischen Spannungen geschickt zur Sicherung seiner Macht und überzog Haiti mit einem Spitzel- und Terrorsystem. Als Repressionsinstrument ließ er die Milizen der Tontons Macoutes entstehen, die das Land und seine Bevölkerung mit ihrer Gewalt in der Hand hatten. Nach seinem Tod 1971 folgte ihm sein Sohn, Baby Doc, welcher die Diktatur unter geringer Abschwächung des politischen Terrors fortführte. 1986 konnte er sich nach Unruhen ins französische Exil absetzen.
Auf die lange Diktatur folgte die Übergangsregierung des „Conseil Nacional de Gouvernement“ (CNG), die vom Stabschef der haitianischen Armee, General Henry Namphy, geleitet wurde. 1988 wurde der Politologe Leslie Manigat zum Präsidenten gewählt. Die politische Macht blieb jedoch bei General Namphy. Bereits wenige Monate nach Amtsantritt musste Manigat ins Exil flüchten.
Erst als General Namphys abgesetzt wurde, war der Weg frei für demokratische Wahlen, die der katholische Priester und Befreiungstheologe Pater Jean-Baptiste Aristide gewann. 1991 wurde Jean-Baptiste Aristide als Präsident Haitis vereidigt, bald darauf aber durch einen Staatstreich gestürzt. Die Militärs bestimmten Joseph Nerette zum Interimspräsidenten und Jean-Jaques Honorat zum Chef der Defacto-Regierung. Die Unruhen führten zu einer weiteren Invasion der internationalen Gemeinschaft.
(Stikklas, Wolf: Haiti. In: Waldmann, Peter/ Krumwiede, Heinrich-Wilhelm (1992, 3. Aufl.): Politisches Lexikon Lateinamerika. C.H. Beck: München: 162-170) |