Das europäische Interesse an Guyana stieg schon bald nach seiner „Entdeckung“ durch die Europäer. Das dabei ursprünglich entstandene Guiana, umfasst heute mehrere Gebiete, wie Guyana, Surinam sowie Teile Brasiliens und Venezuelas. Bald ließen sich holländische Siedler nieder und wandelten die Mangrovensümpfe in Zuckerrohrplantagen um. Zuckerrohr wurde zum Hauptanbauprodukt und beeinflusste die soziale sowie ökonomische Entwicklung des Landes langfristig.
Holland trat seine Herrschaft über dieses Kolonialgebiet als Folge des Wiener Kongresses 1814 an England ab. Die Briten veränderten den Landwirtschaftsbereich hin zum Plantagenanbau, der sich auf die Arbeit afrikanischer Sklaven stützte.
Mit der Abschaffung der Sklaverei kamen die sozialen Strukturen ins Wanken. Das entstandene Arbeitskräftedefizit wurde durch die Anwerbung von Vertragsarbeitern aus England, China, Afrika und Indien ausgeglichen, was zu einer völlig neuen ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung führte. Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und eine bis heute an Ethnien orientierte Innenpolitik wurzeln in den gesellschaftlichen Veränderungen jener Zeit.
Die Besitzer der Zuckerindustrie schränkten die Vormachtstellung der Plantagen-Oligarchie ein und stärkten damit ihre Stellung in der wirtschaftlichen Elite. Die afrikanische Mittelschicht begann parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg, der langsam einsetzte, politische Beteiligungsrechte einzufordern und die indische Arbeiterschaft verlangte mit Streiks bessere Lebensbedingungen. Als Reaktion auf die daraus resultierenden Unruhen erließ England 1928 eine neue Verfassung für Guyana, die erstmals gewählte Volksvertreter in einem Legislativrat zuließ. Dies war der erste Schritt zur Unabhängigkeit. Die ersten Wahlen nach Einführung des Wahlrechts 1953 gewann die Progressive People’s Party (PPP). Cheddi Jagan wurde Premierminister mit dem Ziel, die Unabhängigkeit Guyanas schnellstens durchzusetzen. Aufgrund des radikalen politischen Programms der PPP-Regierung hatte die britische Regierung einen Vorwand, Jagan kommunistische Regierungspolitik vorzuwerfen und setzte ihn ab.
1957 kam es zu einer wesentlichen Parteineugründung: die Gründung des People’s National Congress (PNC). Diese beruhte nicht zuletzt auf persönlichen Feindseligkeiten zwischen Jagan und Forbes Burnham, ersterer indischer Abstammung, zweiterer aus der afrikanischen Mittelschicht. Damit war eine ethnische Trennlinie in der Politik gezogen, die das Land politisch fortan in zwei Lager spaltete.
Mitte der 60er Jahre eskalierten schwere Massenunruhen, die bürgerkriegsähnliche Zustände annahmen. Um die erneute PPP-Regierung zu destabilisieren, führte die britische Regierung in Guyana das Verhältniswahlrecht ein. Die Wahlen von 1964 brachten auf diese Weise eine Koalitionsregierung aus PNC und United Force (UF), einer kleinen, konservativen Partei, hervor. Erst unter dieser Regierung war England bereit, Guyana 1966 in die Unabhängigkeit zu entlassen.
(Klimmeck, Barbara: Guyana. In: Waldmann, Peter/ Krumwiede, Heinrich-Wilhelm (1992, 3. Aufl.): Politisches Lexikon Lateinamerika. C.H. Beck: München: 153-161) |