Chiles wurde 1818 unabhängig, noch ehe der seit 1810 währende Krieg gegen die spanische Kolonialherrschaft beendet war. Anders als die meisten Kolonien beruhigte sich die Lage in Chile früh und das Land nahm bald eine bedeutende Rolle auf dem Kontinent ein. Die eigenständige Verfassung von 1833 konzentrierte die Macht auf die Exekutive. Die Großgrundbesitzer bildeten aber bald die wesentliche Macht im Staat.
Im Bürgerkrieg von 1891 konnte sich der Kongress gegenüber dem Präsidenten José M. Balmaceda, der eine nationalistische (Wirtschafts-)Politik verfolgte, durchsetzen. Damals begann die Periode der Parlamentarischen Republik, die bis 1924 währte. In jener Zeit konnte sich die Mittelschicht ebenso wie die im Bergbau beschäftigte Industriearbeiterschaft herausbilden. Die Mittelschicht kam mit dem 1920 gewählten Präsidenten Arturo Alessandri kurzzeitig an die Macht. Als er seine geplanten Reformen gegen den konservativen Kongress nicht durchzusetzen vermochte, putschte 1924 das Militär zugunsten der Mittelschicht.
1925 wurde zwar eine neue Verfassung verabschiedet, doch konnte diese aufgrund zahlreicher Machtwechsel erst 1932 in Kraft treten. Von 1932 bis 1973 zeichnete sich Chile durch eine gewisse (Verfassungs-)Stabilität aus. Reformen hatten aus demokratischer Sicht vor allem positive Effekte, wie die Ausdehnung des Wahlrechts, die Verankerung zusätzlicher Freiheitsrechte oder die Schaffung eines Verfassungsgerichts. Chile hatte in jener Zeit demokratiepolitische Vorbildfunktion in Lateinamerika. Negativ auswirken sollte sich bald der Umstand, dass auch die Macht des Präsidenten deutlich gestärkt wurde.
Auf wirtschaftlicher Ebene verlief die Entwicklung des Landes hingegen weniger glücklich. Die USA, die davon betroffen waren, mischten sich daraufhin zunehmend in die politischen Belange des Landes ein. So wurden unter den Regierungen Eduardo Frei (1964-1970) und Salvador Allende (1970-1973) zwar zahlreiche Strukturreformen in Angriff genommen, doch vermochten sie aufgrund der US-Einmischung und der davon ausgehenden Propaganda die sozialen und politischen Spannungen nicht zu verringern, sodass das politische Drama seinen Lauf nahm: die herbeigeredete Krise gipfelte im Putsch von 1973:
Salvador Allende wurde durch einen Militärputsch unter US-Beteiligung gestürzt und ermordet. Die Verfassung wurde außer Kraft gesetzt und jegliche Tätigkeit politischer Parteien verboten. Dem Militärdiktator Augusto Pinochet gelang es, die gesamte politische Macht auf sich zu konzentrieren. Mit einer neuen Verfassung, die durch eine umstrittene Volksabstimmung verabschiedet wurde, sicherten sich die Militärs ihren politischen Einfluss. Ende der 80er Jahre wollte sich Pinochet die Herrschaft in einem Plebiszit, der eine Präsidentschaftswahl mit nur einem Kandidaten ermöglichen sollte, für die Zukunft sichern. Der demokratischen Opposition gelang es aber, sich auf ein Nein zu Pinochet zu verständigen – und setzte sich durch. Damit begann die Phase der sogenannten transición, dem Übergang zur Demokratie.
Der Diktator Pinochet wurde für die Menschenrechtsverletzungen seiner Regierung niemals zur Verantwortung gezogen. Zwar versuchte ein spanisches und ein belgisches Gericht die Auslieferung zu erreichen, doch ein mehrmonatiger Hausarrest in Großbritannien, noch dazu erlebt in allem denkbaren Luxus, blieb die einzige Folge. In Chile ist zwar sein Ansehen gesunken, doch konnte keine Verurteilung durchgesetzt werden.
(Fernández-Baeza, Mario / Nohlen, Dieter: Chile. In: Waldmann, Peter/ Krumwiede, Heinrich-Wilhelm (1992, 3. Aufl.): Politisches Lexikon Lateinamerika. C.H. Beck: München: 74-87) |