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Studienexkursion Mexiko WS 2002
"Tierra y Libertad" - Die Landfrage in Mexiko im 19. und 20. Jahrhundert
TeilnehmerInnen an der Studienexkursion
Institut für Geschicht der Universität Wien
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6.2 Codices im CIESAS

© Daniela Schier

Mesoamerikanische Codices. Virginia García Acosta

Codices im CIESAS

Als wir am 27.11.02 nach Tlalpan, einem Stadtteil von Mexiko City fuhren, um die Institutionen des CIESAS (=Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropología Social (www.ciesas.edu.mx) zu besuchen, kamen wir zum ersten Mal mit mesoamerikanischen Codices in Berührung.

In der Bibliothek dieser Forschungsinstitution, die sich in einem beindruckenden Bau aus der Kolonialzeit (der Ex-Hacienda Casa Chata) befindet, werden etwa 101 Faksimile von Codices aufbewahrt. Einige davon konnten wir uns näher ansehen und VirginiaGarcía Acosta, die ehemalige wissenschaftliche Direktorin des CIESAS, erklärte uns einige Details.

Codices im CIESAS

Unter anderem sahen wir den Codex Cospi, den Codex Mendoza und den Codex Florentino, und zum Abschluss noch ein Dokument der Maya, den Codex Cortesieno.

Zur allgemeinen Bedeutung der Codices ist festzuhalten: Die meisten Codices stammen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert und wurden von indigenen Gelehrten geschrieben. Während die Mayaschrift vorwiegend auf phonetischen Zeichen beruhte, stütze sich die zentralmexikanische Schrift, wie die der Azteken zum Beispiel, eher auf den Gebrauch von semasiograhpischen Bildzeichen. Die Bilder sind also, wie der Laie vermuten könnte, keine Illustrationen, sondern als Schrift zu verstehen. Jede Person, jeder Gegenstand und auch jede Farbe hat eine eigene Bedeutung. Auch ihre Kompositionen und Zusammenstellungen haben jeweils eine eigene Aussage.

Diese vorspanischen Dokumente fielen bis auf wenige Exemplare der Conquista und der Inquisition zum Opfer. Zwei der ursprünglichen Codices sind heute in Wien aufbewahrt. Der Codex Vindobonensis liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek; der Codex Becker I im Museum für Völkerkunde. Im Verlauf der Kolonialzeit wurden weiterhin Codices hergestellt. Die meisten entstanden auf Anweisung der Spanier, da diese als Grundlage für Tributforderungen oder als ethnographische Quelle für die Mission verwendet wurden. Andere wurden von indigenen Gemeinden als Rechtsdokument gegen die Ansprüche der Kolonialherren eingesetzt (Titulos Primordiales).

In den kolonialen Codices machen sich die fremden Einflüsse nicht nur inhaltlich bemerkbar, sondern auch in Form ihrer Gestaltung. So wurde etwa das Faltbuch von der europäische Buchform abgelöst (www.univie.ac.at/meso/amoxtin.htm).

http://pages.prodigy.net/gbonline/awborgia.htmlmexex-896.htmlborgia

Im folgenden gehe ich kursorisch auf jene, uns im CIESAS als Faksimilie vorgelegten, Exemplare ein:

  • 1. Der Codex Cospi ist einer von fünf Teilen der Borgia Gruppe. Die Borgia Gruppe wird zu den schönsten und interessantesten Dokumenten der vorspanischen Zeit gezählt, weil sie sehr detailliert Auskunft über Götter, Rituale, Kalenderdaten, Religion u.v.m. gibt (http://pages.prodigy.net/gbonline/awborgia.html#borgia). Und ein schönes Bild unter: http://pages.prodigy.net/gbonline/sa000342.jpg. Die ersten drei Abschnitte auf den Vorderseiten zeigen Aspekte des 260 Tageskalenders. Der vierte Abschnitt auf der Rückseite ist vom Stil her anders gestaltet und seine Interpretation ist unsicher. Er beinhaltet Götternamen und eine Reihe von Zahlen, die durch Balken (steht für die Fünf), und Punkte (für eine Eins) ausgedrückt wurden (http://library.albany.edu/subject/codices.htm).
  • 2. Der Mendoza Codex aus dem 16. Jahrhundert wurde im Auftrag des ersten Vizekönigs von Neu-Spanien, Don Antonio de Mendoza, für Kaiser Karl V. angefertigt. Der Codex umfasst 71 Seiten im Folio-Format und enthält 3 Teile. Obwohl alle Teile im selben, oder einem ähnlichem Stil gehalten sind, haben sie doch andere Themen und sind nicht vom selben Ursprung. Die Bilderschrift des ersten Teiles behandelt die Geschichte der indigenen Bevölkerung, von 1325, der Gründung Tenochtitlans, bis 1521. In einer Aufzählung erfahren wir über die Herrscher, ihre jeweilige Herrschaftsdauer und über die Städte, die sie erobert hatten. Besonders beeindrucken ist die Seite, auf der von der Gründungslegende der Azteken berichtet wird. Hier dominiert ein großer brauner Adler im oberen Drittel der Seite die Fläche, die gleichzeitig durch das Zusammenkommen zweier blauer Kreuzbalken markiert wird,. Der Adler, der Kaktus, auf dem er sitzt, und der Felsen sind Symbole für Tenochtitlan und die Umstände unter denen die wandernden Azteken sich hier niederließen. Das große blaue Kreuz, das blaue Quadrat und die verschiedenen Pflanzen symbolisieren den Texcoco See (Ross 1978, 11-18). Im zweiten Teil des Mendoza Kodex werden Tributzahlungen, die die Azteken von den unterworfenen Völkern verlangten, festgehalten. Die Spanier nutzten diese als Grundlage für ihre eigenen Abgabenberechnungen Der dritte Teil ist eine graphisches Porträt des aztekischen Lebens, das von der Geburt an, Lebensjahr für Lebensjahr festhält. Weitere Seiten zeigen Krieger, Priester, den Palast Montezumas, sowie Gesetze und Strafen späterer Herrscher. Dieser Kodex gibt auch Auskunft über das spezielle Rechensystem und den Kalender, der von den Azteken benutzt wurde. Zum Kalender ist folgendes zusagen: Jedes blaue Quadrat am Rand der Seite bedeutet ein Jahr. Jedes Jahr hat 365 Tage und 18 Monate, sowie fünf „Unglückstage“. Jeder Monat hatte 20 Tage und wurde nach Gegenständen oder Tieren benannt. Der Jahrekreislauf basierte auf vier verschiedenen Zeichen, die den Jahresbeginn markierten: Haus, Hase, Schilf, und Steinmesser. Diese waren jeweils mit Punkten versehen. Ein „Jahrhundert“ der Azteken umfasste 52 Jahre, die durch eine Kombination dieser vier Symbole und der blauen Punkte von 1 bis 13 nummeriert wurden. War eine Periode von 52 Jahren vorbei, begann ein neuer Abschnitt. An der Wende von einem Zyklus zum anderen, befürchteten die Azteken, dass die Welt in einer Katastrophe untergehen würde. Sie taten Buße, fasteten, zerschlugen ihr tönernes Kochgeschirr und löschten die Herdfeuer aus. Erst wenn die Priester beschlossen hatten, dass ein neuer Zyklus beginnen konnte, wurden die Feuer wieder entfacht.
  • 3. Der Kodex Florentino ist das letzte komplette Manuskript der 12 Bücher der Historia General. Er beinhaltet neben dem indigenen Text auch spanische Anmerkungen und Erklärungen. Er besteht aus 1 846 Bildern, wobei hier die dekorativen Elemente noch nicht mitgezählt wurden. Die zwölf Bücher geben Auskunft über Götter, Moralvorstellungen, die Herrscher von Mexiko und auch über die Eroberung durch die Spanier.
  • 4. Die Codices der Maya stellen ein Rätsel dar. Die vollständige Entzifferung der Bilderschrift der Maya steht noch aus. Die Maya Schrift war die am weitesten entwickelte Schrift unter den indianischen Schriftsystemen. So sind etwa 20% der Glyphen immer noch nicht entziffert. Knapp 500 verschiedene Bilder wurden gefunden, die in Stein gemeißelt, auf nassem Putz und Töpferwaren gemalt oder in den Codices festgehalten wurden. Das Papier für diese Bücher wurde aus der Rinde des Feigenbaumes hergestellt und mit Stuck überzogen. Von den zusammenfaltbaren Codices sind nur drei erhalten. Einer der berühmtesten Maya Codices ist der Dresdner Kodex, der 4 Meter lang und 20 Zentimeter breit ist. Die anderen beiden, die im wesentlichen religiöse und herrschaftliche Ereignisse wieder geben, befinden sich in Paris und Madrid.
  • 5. Der Tro- Cortesianus auch bekannt als Madrid Codex, beinhaltet sowohl den Codex Cortesianus als auch den Codex Troano, die beide Teile eines Manuskripts darstellen, das jetzt in Madrid aufbewahrt wird. Der Inhalt der beiden Dokumente beschreibt Gottheiten und deren Verehrung. Ferner gibt er Auskunft über das Jagen, das Weben, das Regenmachen sowie über Krankheiten und Ernten. Im Gegensatz zum Dresdner Kodex wird hier aber nicht auf Astronomie, Rechenwesen oder Prophezeiungen eingegangen (http://library.albany.edu/subject/codices.htm).

Literatur:

  • Ross, Kurt (1978): Codex Mendoza. Aztekische Handschrift. Parkland: Freibourg
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