Die Weltwirtschaftskrise war eines der folgenreichsten Begebnisse des 20. Jahrhunderts. Genau genommen handelte es sich bei ihr jedoch nicht um eine einzige Krise, sondern um das Zusammentreffen mehrerer partieller Krisen. Die Weltwirtschaftskrise war die erste Wirtschaftskrise des kapitalistischen Weltsystems, die derart viele Regionen des Globus zugleich erfasste. Mit ihr sind zudem viele dramatische politische Entwicklungen verbunden: der Aufstieg des Faschismus gleichermaßen wie das Wiederaufflammen sozialer und revolutionärer Bewegungen weltweit.
Wirtschaftshistorisch führte die Weltwirtschaftskrise zu einer regelrechten De-Globalisierung. Protektionismus und eine binnenorientierte Wirtschaftspolitik sollten in vielen Ländern zum dominanten Wirtschaftsmodell werden. Nirgendwo lässt sich dies so plastisch nachzeichnen wie in den Ländern Lateinamerikas. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam es in vielen Ländern dieses Subkontinents zu einem Wechsel vom exportorientierten und von Auslandskapital dominierten Aufschwungsmodellen hin zur Etablierung von binnenorientierten Wachstumsstrategien. Diese sind vor allem als ISI, als importsubstituierende Industrialisierungsstrategien in die Geschichte eingegangen. Damit verbunden war die Herausbildung eines spezifisch lateinamerikanischen Gepräges politischer Herrschaft: nationalistisch-populistische Regime, die es verstanden, die sozial mobilisierten Teile der Industriearbeiterschaft politisch und ökonomisch zu integrieren und damit die gesellschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten. Namen wie Lázaro Cárdenas in Mexiko oder Juán Domingo Perón in Argentinien stehen stellvertretend für jene Regime. Diese binnenorientierte wirtschaftliche Ausrichtung wurde zur Grundlage des Modernisierungsbooms Lateinamerikas nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst mit der Verschuldungskrise Anfang der 1980er Jahre begann sich ein neuerlicher grundsätzlicher Wandel der Wirtschaftsstrategie abzuzeichnen.
Als Referenzliteratur zum Thema "Weltwirtschaftskrise in Lateinamerika" können die Studien von Christian Suter angeführt werden. Er versucht den ökonomischen Zyklen in Lateinamerika empirisch nachzugehen. Dies stellt sich allerdings für die Jahre vor 1945 als schwierig heraus, da es in den meisten Ländern bis in die Nachkriegszeit keine statistischen Zentralinstitute gab.
- Suter, Christian (1999): Gute und schlechte Regimes. Staat und Politik Lateinamerikas zwischen globaler Ökonomie und nationaler Gesellschaft. Vervuert: Frankfurt a. Main
- Suter, Christian: Weltwirtschafts- und Globalisierungskrise in Lateinamerika. Ursachen, Folgen, Überwindungsstrategien. In: Peter Feldbauer/Gerd Hardach/Gerhard Melinz (eds.) (1999): Von der Weltwirtschafts- zur Globalisierungskrise (1929–1999). Wohin treibt die Peripherie? (=HSK 15 Internationale Entwicklung). Brandes & Apsel/ Südwind: Frankfurt a. M./ Wien: 145–159
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