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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2.3 Henequén-Boom in Yucatán 1870–1930
 up 2.3.3 Henequén-Produktion auf der Halbinsel Yucatán

2.3.3.4 Die Henequén-Oligarchie Yucatáns

Die Geschichte der Sisal-Produktion in Yucatán ist auch die Geschichte einer dominanten Familie: der Molinas.

Das dominante Unternehmen in der Sisal-Produktion war eine Art Joint-Venture zwischen einem US-Unternehmen, der International Harvester und dem Unternehmen der Familie Molinas, der Casa Exportadora de O. Molina.

Der Historiker Allen Wells bemerkt zu dieser Zusammenarbeit:

"By the First World War, International Harvester dominated the fiber industry and influenced price trends in the local fiber market. This collaborative matrix had important ramifications for the local economy, because land tenure and ownership of the means of production remained in Yucatecan hands."

(Wells, Allen. Henequen. In: Topik, Steven V./Wells, Allen (1998) (eds.): The second conquest of Latin America. Coffee, henequen, and oil during the export boom 1850–1930. University of Texas Press: Austin: 109)

Der Aufstieg der Familie Molina ist eng mit der politischen Struktur des Porfiriats verbunden, einer von 1876 bis zur Mexikanischen Revolution währenden Entwicklungsdiktatur unter dem General Porfirio Díaz. Politische Stabilität durch Bändigung lokaler Caudillismen, Auslandsinvestitionen und die Orientierung auf Agrarexporte waren die Kennzeichen dieser Entwicklungsdiktatur. Dominiert wurde das Porfiriat von der so genannten Científico-Oligarchie, eine in und um den Staat organisierten Modernisierungs-Elite.

Der Historiker Hans Werner Tobler schreibt über Olegario Molina, den Begründer der Molina-Dynastie:

"Olegario Molina, entstammte der Sisalpflanzerfamilie, die ihre wirtschaftliche Vormachtstellung in Yucatán v.a. ihrer Funktion als Vertreter der nordamerikanischen International Harvester Company verdankte, die ein weitgehendes Einkaufsmonopol für yucatekischen Henequen besaß."

(Tobler, Hans Werner (1984): Die mexikanische Revolution. Gesellschaftlicher Wandel und politischer Umbruch 1876–1940. Frankfurt a.M.: Suhrkamp: 107)

Die Geschichte der Familie Molina illustriert zudem, dass Leistungsdenken und unternehmerische Konkurrenzethik oft nur Mythen sind. Am Zenit ihrer Macht verkörperten die Molinas nicht mehr den dynamisch-staatsfernen Unternehmer, sondern versuchten, eine ökonomische Monopolstellung zu erreichen und sie durch politische Macht abzusichern. Ruhm, Ehre und Macht treten als die eigentlichen Lebensziele hervor.

Ein Blick auf die Stellungen und Positionen der Familienmitglieder vermittelt einen Eindruck davon:

  • 1902 wurde Oligario Molina Gouverneur von Yucatán. 1905 wurde er Wirtschaftsminister in der Regierung Porfirio Díaz.
  • Bruder José Trinidad Molina war Aufsichtsratsvorsitzender der Eisenbahnlinien.
  • Bruder Augusto Molina (Arzt) wurde zum Rektor der medizinischen Hochschule ernannt und erhielt einen Abgeordnetensitz im Staatsparlament.
  • Ein Neffe Olegarios, Luis D. Molina, wurde zum jefe político von Mérida.
  • Schwiegersohn und Partner Avelino Montes übernahm, nachdem sich Olegario der Politik gewidmet hatte, offiziell dessen Geschäft, das mit Hilfe der International Harvester Company zum größten wirtschaftlichen Machtfaktor Yucatáns aufstieg.
  • Ein zweiter Schwiegersohn, der Vizekonsul Spaniens Rogelio Suarez, war einer der wichtigsten Bankiers Yucatáns und frönte privaten Wuchergeschäften. Ihm wurde vom Gouverneur ein Monopol für die Einfuhr von Dynamit und Vieh gewährt.

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