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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2 Die "Zweite Conquista" – Lateinamerika und seine Die "Zweite Conquista" - Lateinamerika und seine Commodities
 up 2.3 Henequén-Boom in Yucatán 1870–1930
 up 2.3.3 Henequén-Produktion auf der Halbinsel Yucatán

2.3.3.3 Die Henequén-Hazienda

Mit der Henequén-Produktion in Yucatán ging eine spezifische Organisationsform von Anbau und Arbeit einher: die Hazienda. Einer traditionellen Hazienda mit ihrem hermetischen Mikrokosmos, ihren geringen ökonomischen Außenbeziehungen, ihren persönlichen und halb-feudalen Abhängigkeitsverhältnissen und ihrer Orientierung auf Selbstversorgung entsprach die Henequén-Hazienda allerdings nicht mehr. Genauso wenig kann man sie als rein kommerzielles Plantagenunternehmen betrachten, in dem Sklaven arbeiteten bzw. sich zu 100% lohnabhängige Landarbeiter verdingten.

Die Henequén-Hazienda ist gleichzeitig eine traditionelle Hazienda und eine kommerzielle Plantage, ein Amalgam aus traditioneller kolonialer Struktur und modernem Design.

Auch die Arbeitsverhältnisse spiegelten das Amalgam der beiden Systeme wider:

Einerseits waren sie personalistisch: prämoderne Machtverhältnisse, Paternalismus und asymmetrische Geschenksbeziehungen prägten die sozialen Beziehungen. Auf der traditionellen Hazienda wurde nicht Arbeit gegen Lohn getauscht, sondern ein Gefallen für getane Leistungen erwiesen. In dieser Hinsicht gleicht die Hazienda dem feudalen Schutz-Trutz-Verhältnis. Die sozialen Beziehungen werden einer patriarchalen Familie gleich gebildet: An der Spitze einer abgestuften sozialen Hierarchie steht der hacendero als pater familias.

In der Kolonialzeit konnten derartige Strukturen das Fortdauern indigener Gemeinschaften ermöglichen, solange sie nach außen hin ein tributäres Mehrprodukt ablieferten.

Auf der Henequén-Hazienda paarten sich die traditionellen sozialen Strukturen jedoch mit kapitalistischen Elementen. Denn auf der Henequén-Hazienda ging es um die organisierte Produktion von Cash-Crops für den Weltmarkt. Dies erforderte einen disziplinierten Arbeitsrhythmus. Den Zwang zu erhöhter Arbeitsleistung im Henequén-Anbau erzeugten die hacenderos durch ihre materielle Macht über die Güter der primären Versorgung. Versinnbildlicht wird diese Macht in den Hazienda-Geschäften (rejas-Geschäften), die als Monopolanbieter den Hazienda-Arbeitern die Lebensmittel zu Preisen aufzwangen, die der hacendero festsetzte. Auch wenn der hacendero die Nahrungsmittelversorgung garantieren musste, konnte er über die Preise den Grad der Abhängigkeit der Arbeiter und ihrer Familien bestimmen. Diese Macht über die Güter verfügte bei der Disziplinierung der Arbeitskraft über eine größere Wirkung als die Macht über die Menschen in der traditionellen Hazienda. Darüber hinaus gerieten viele Arbeiter schon vor der Ankunft auf der Hazienda in lebenslange materielle Abhängigkeit durch Verschuldung beim hacendero (Schuldknechtschaft).

Die Arbeitsdisziplin auf der Hazienda wurde daher erreicht durch:

  • die Isolation Yucatáns (geographische Lage, Blockade der Verbindung zum zentralen Binnenland durch die Kastenkriege im Südwesten Yucatáns)
  • durch Zwang bzw. Verschuldung
  • durch gewisse Sicherheiten (Nahrungsgarantie für die gesamte Familie, die mit auf der Hazienda wohnte, zur Verfügung gestellte Quartiere)
Diese Faktoren verhinderten die Mobilität und Autonomie der Hazienda-Arbeiter und erlaubten es den hacenderos, einen disziplinierten Arbeitsrhythmus in der monocrop-Produktion aufrechtzuerhalten.

Aus der Sicht der Hazienda-Arbeiter bedeutete dieses Amalgam aus traditioneller Hazienda und moderner kommerzieller Plantage das Schlimmste aus beiden Systemen:

  • die persönliche Abhängigkeit der Hazienda ohne ihre feudalen Schutzmechanismen
  • die Ausbeutungsbedingungen einer Plantage ohne die persönliche Freiheit eines freien Lohnarbeiters

 down 2.3.3.3.1 Die Hazienda im kapitalistischen Weltsystem
 down 2.3.3.3.2 Geschlechterverhältnisse
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