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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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2.2.3.2 Kaffeeanbau in Brasilien nach 1888 – Das Colono-System

Mit der Lei Aurea des Jahres 1888 fand eine solch abrupte Transformation eines Arbeitssystems statt, dass sich nur wenige vergleichbare Prozesse in der Geschichte finden lassen.

Vom Sklavensystem zum colono-System

Die Kaffeeproduktion beruhte bis 1888 auf der Sklavenarbeit in den cafezales. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zahlte sich die Sklaverei aus ökonomischen und politischen Gründen nicht mehr aus.

Colono bedeutet Kolonisierer bzw. Siedler. Diese wurden auf den Kaffee-fazendas (Plantagen) angesiedelt. Es handelt sich um Familienbetriebe innerhalb der fazendas. Der colono schließt einen Vertrag mit dem fazendeiro ab. Für das Nutzungsrecht (usufructe) eines Stück Landes muss er die Kaffeesträucher in Stand halten. Darüber hinaus ist er verpflichtet, gegen Entlohnung im Ernteeinsatz zur Verfügung zu stehen. Das Subsistenzland wird ohne Landtitel bebaut, das Lohneinkommen wird meist für Schulden gestundet (z. B. die Kosten der Überfahrt bei Einwanderern) oder wird in den rejas-Geschäften ausgegeben. Diese Geschäfte gehören zur fazenda und zwingen den colono, zu überhöhten Preisen einzukaufen.

Die Familie bildet das Rückgrat dieses Systems. Im Gegensatz zum Sklavensystem, wo der Sklavenhalter für die Reproduktionskosten (Nahrung, Kleidung etc.) aufkommen musste, werden hier die Reproduktionskosten in die Schattenarbeit des modernen Haushalts ausgelagert. Es sind die Frauen und Kinder, welche die Reproduktionsarbeit im Haus und auf dem Subsistenzland leisten.

Aus der Sicht der colonos bedeutete

  • die Subsistenzproduktion: ökonomische Autonomie und Handlungsspielraum
  • die Kaffeeproduktion: Abhängigkeit, Unterordnung, ständige Konflikte, Misstrauen und andauernde Disziplinierung
Im Element der Subsistenzproduktion lag die Zukunftshoffnung vieler colonos: Von der anfänglichen Abhängigkeit in der Schuldknechtschaft hin zum Erwerb eines eigenen Landtitels bzw. zur Abwanderung in die urbanen Zentren oder in eine andere landwirtschaftliche Region Brasiliens.

Die Schuldknechtschaft als Charakteristikum des colono-Systems ist eng mit der Migration verbunden. Das colono-System richtete sich an Einwanderer aus Europa. Die Einwanderung wurde systematisch organisiert. Bevorzugt wurden Familien mit bäuerlichem Hintergrund, die der Verelendung im Zuge der Durchsetzung des Kapitalismus in Europa entfliehen wollten. Die Kosten der Überfahrt erwiesen sich für die meisten als Schuldenfalle. Angeregt wurde die Einwanderung durch folgende Maßnahmen: Schiffspassagen wurden im Voraus finanziert, die Perspektive der Einwanderer richtete sich auf befristete Anpassung an das System; das Ziel der Einwanderer war die ökonomische Selbständigkeit (Landkauf).

Arbeitskonflikte und Lohnforderungen regelten die fazendeiros mittels Nachschub. Sie konnten aufgrund ihrer politischen und ökonomischen Position die Einwanderungszahlen bestimmen.

Die Konfliktträchtigkeit des colono-Systems wird durch die hohen Fluktuationsraten auf den Plantagen illustriert (40% bis 60%). Missständen begegneten die colonos also durch Abwanderung auf andere Plantagen mit besseren Bedingungen bzw. durch Abwanderung in andere Regionen Brasiliens und nach Argentinien. Es gab unter den colonos jedoch nicht nur den Aufstieg zum kleinen Landbesitzer in einer anderen Region. Viele erlagen auch dem Proletarisierungsprozess, der sie zu mittellosen Landarbeitern machte.

Die individuellen Befreiungsstrategien der colonos zeigen jedoch das geringe Kollektivitätsgefühl dieser Gruppe. Dezentrale Ansiedlung, die Familie als wichtigster ökonomischer Bezugspunkt, die Hoffnungsperspektive auf ein besseres Leben – im Gegensatz zum Sklavensystem kamen Aufstände kaum vor.

Conclusio: Das colono-System erwies sich als stabiler und kostengünstiger als das Sklavensystem.

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