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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2.2 Kaffeeboom in Lateinamerika
 up 2.2.3 Der Kaffeeanbau in Brasilien

2.2.3.1 Kaffeeanbau in Brasilien vor 1888

Brasilien ist das größte kaffeeproduzierende Land. Etwa ein Viertel des Kaffees der Welt wächst auf den Plantagen von São Paulo, Paraná, Espírito Santo und Minas Gerais.

Das Jahr 1888 ist die entscheidende Zäsur in der Geschichte der brasilianischen Kaffeeproduktion. Die in diesem Jahr eingeführte Lei Aurea änderte die Organisationsform der Arbeit im Kaffeekomplex grundlegend. Das Sklavensystem wurde abgeschafft, das colono-System konnte sich etablieren.

Bereits vor 1888 war Brasilien wichtigster Produzent von Kaffee. Einige Stichworte können den hohen Entwicklungsstand illustrieren, der mit dieser dominanten Position in der Kaffeeproduktion verbunden war:

  • Um 1888 produziert Brasilien zweimal so viel Kaffee wie ganz Lateinamerika zusammen.
  • Das BNP war vermutlich größer als in Portugal.
  • Rio de Janeiro war eine größere Stadt als Rom bzw. Madrid.
  • Um 1890 verfügte Brasilien neben Indien über das längste Eisenbahnnetz außerhalb Europas und den USA.

Vor diesem Hintergrund blieb Brasilien im 19. Jahrhundert auch politisch stabil. Es gab kaum Unabhängigkeitsbestrebungen von Portugal. Die Angst vor Sklavenaufständen ließ alle Unabhängigkeitsbestrebungen in den Hintergrund treten. Das haitianische Beispiel hatte der Oligarchie Brasiliens die Gefährlichkeit einer Unabhängigkeitsbewegung im einem Sklavenstaat vor Augen geführt. Dass der portugiesische König (selbst auf der Flucht vor französischer Besatzung und republikanischen Bewegungen im Mutterland) zeitweilig den Sitz seines Hofes nach Brasilien verlegte, zeigt, wie sehr nach politischer Stabilität getrachtet wurde.

Um 1800 arbeiteten mehr als 100.000 Sklaven auf den brasilianischen cafezales. Der Großteil der Sklaven in Brasilien arbeitete allerdings auf den Zuckerplantagen. Die Zuckerproduktion dominierte die brasilianische Ökonomie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts.

Von Beginn der Kolonisierung an bis zu ihrer Abschaffung mit der Lei Aurea war die Sklaverei in Brasilien erlaubt. Diese Entwicklung steht im Gegensatz zum spanisch sprechenden Lateinamerika, wo Sklaverei offiziell verboten war (Ausnahme Kuba). Die brasilianischen Oligarchien nahmen aktiv am Sklavenhandel teil. Dieser direkte Zugang zur Quelle des Nachschubs ließ in Brasilien eine andere Struktur der Sklavenhaltung als z. B. in den USA entstehen.

In den USA wurde den Sklaven unter dem Motto des slave breeding hinreichende Reproduktionsbedingungen gewährt: Sklavinnen wurden neben männlichen Sklaven eingesetzt, Familiengründungen gestattet und kleine Landflächen für die Subsistenzwirtschaft zur Verfügung gestellt.

In Brasilien hingegen waren 70% der Sklaven Männer, die isoliert gehalten wurden. Die harten Ausbeutungs- und Lebensbedingungen führten ständig zu Aufständen.

Welche Rolle spielte die Kaffeeproduktion für die ökonomische und politische Entwicklung Brasiliens? Die Dependenztheoretiker André Gunder Frank und Theotonio Dos Santos meinen, dass die auf Sklavenarbeit beruhende Kaffeeproduktion die Abhängigkeit (Dependenz) Brasiliens im Weltsystem begründete.

Die Kaffeebarone hielten die quasi-feudalen Strukturen aufrecht, zeigten kein Interesse an nationalem Fortschritt, demonstrierten eine Rentiersmentalität und scheuten Innovationen. In den Außenbeziehungen war diese Cash-Crop-Produktion auf den kapitalistischen Weltmarkt ausgerichtet. In den ökonomischen Binnenbeziehungen gehorchten die Kaffeebarone jedoch einer Logik, die kaum mit einer kapitalistischen Unternehmer-Mentalität zu tun hatte.

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