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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002
 up 4.5.2 Ekuador: indigene Bewegungen und gesamtgesellschaftliche Revolte

4.5.2.1 Moderne Indigene Bewegungen

Die modernen indigenen Bewegungen gehen über den Indigenismus der 1920er und 1930er Jahre hinaus. Dieser entdeckte zwar die präkolumbische Vergangenheit als wichtigen Teil der lateinamerikanischen Geschichte, beschränkte sich jedoch auf die museale Identitätsstiftung. Darüber hinaus wurde v. a. in Mexiko unter Lázaro Cárdenas (1934–1940) das präkolumbische Erbe für die ideologische Konstruktion einer mestizischen Nation herangezogen. Die Indígenas im eigentlichen Sinne gingen dabei in der Gesamtnation auf. Sie sollten ihre kulturell-ethnische Identität ablegen und sich in den Modernisierungsprozess integrieren.

Ab den 1960er Jahren entstanden neue Indianerbewegungen. Diese kamen vor allem in jenen Ländern auf, die einen hohen Anteil an indigener Bevölkerung aufweisen: Mexiko (20%), Ekuador (40%), Peru (55%), Guatemala (60%) und Bolivien (60%). Diese neuen Gruppierungen wiesen vielfältige Überschneidungen mit den Zielen und Formen von Campesino-Bewegungen auf. In dieser Hinsicht sind die modernen indigenen Bewegungen Doppel-Bewegungen.

Der Anstoß zur Bildung dieser Gruppierungen erfolgte nicht selten von außen: Eine ethnienzentrierte Organisierung erschien den initiierenden Akteuren (Staat, Kirche, Entwicklungs-NGO s) ein Gegenpol zu klassenzentrierten Organisierungsversuchen zu sein.

Die neuen Indígena-Bewegungen entstanden auch aus einer Abkehr vom nationalistischen Populismus, der Lateinamerika seit den 1930er Jahren politisch geprägt hatte. Er hatte die indianische Bevölkerung nur geringfügig integrieren können. Rassismus sowie die ökonomische und kulturelle Marginalisierung hielten an.

Darüber hinaus zwangen die Folgen der neoliberalen Umwälzungen zu Selbstorganisation und Selbsthilfe. Das Gleiche galt in vielen Ländern für den Selbstschutz vor Übergriffen durch Staat und Großgrundbesitzer.

In gewisser Hinsicht sind die neuen indigenen Bewegungen auch ein Produkt der marginalen Integration in die kapitalistische Ökonomie: Die gemachten proletarischen und semi-proletarischen Erfahrungen wurden in überlokale Organisationsformen und kollektive Kampfformen umgemünzt. Die Herausbildung eines kollektiven Wir-Gefühls als Indígenas und einer über das Lokale hinausreichenden Identität stellt eines der wichtigsten Merkmale der neuen Indígena-Bewegungen dar.

Die modernen Indígena-Bewegungen entsprachen in den 1980er Jahren in vielerlei Hinsicht dem Bild der Neuen Sozialen Bewegungen: Sie vertraten ein partikulares Gruppeninteresse, forderten spezifische Reformen und verfolgten nicht das Ziel der Erringung der Staatsmacht.

Zu den vertretenen kulturell-ethnischen Reformanliegen gehörten:

  • Anerkennung in der Verfassung
  • Frage von Land und Territorium (autonome Gebiete)
  • Bewahrung der Kultur (bilinguale Bildung, eigene Medien)
  • eigenständige Organisation der Indígena-Gemeinden
  • in manchen Ländern strebten die Bewegungen politische Partizipation im regionalen und nationalen Kontext an, in anderen forderten sie die Autonomie vom jeweiligen Staat
Einer der symbolischen Erfolge der Arbeit dieser Bewegungen war in einigen Staaten die verfassungsmäßige Anerkennung, eine multiethnische und plurikulturelle Nation zu sein. Derartige Formeln finden sich etwa in den Verfassungen Mexikos, Kolumbiens, Paraguays und Boliviens.

In den 1990er Jahren traten die Indígena-Bewegungen unter dem Eindruck von ökonomischer Krise und politischer Polarisierung vermehrt auf die Bühne der nationalen Politik. Dabei konnten sie sich, wie das Beispiel Ekuador zeigt, von kulturell-ethnischen Interessenvertretern in Träger einer gesamtgesellschaftlichen sozialen Mobilisierung verwandeln.

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