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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.5 Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.5.3 Beispiele für die Neuen Sozialen Bewegungen
 up 4.4.5.3.1 Die Rolle der neuen Bewegungen – das Beispiel Brasilien

4.4.5.3.1.1 Die Entstehung autonomer Gewerkschaften

Luiz Ignácio da Silva

Unter dem populistischen Regime von Getulio Vargas in der 1930er Jahren entwickelten sich parallel zu vielen anderen Staaten Lateinamerikas große korporativistische und staatsnahe Gewerkschaften. Sie vermochten Teile des industriellen Proletariats in den Staat zu integrieren und gewisse soziale Reformen durchzusetzen. Ihr Beiname pelego-Gewerkschaften (Sattel-Gewerkschaften) verweist jedoch auch auf ihre Mäßigungs- und Vermittlungsrolle zwischen Kapital, Staat und Arbeitern. Sie verfügten über keine interne Demokratie und agierten nicht autonom.

Unter der brasilianischen Militärdiktatur ab 1964 wurden diese pelego-Gewerkschaften weiter zur Kontrolle und Bändigung der Arbeiterschaft benutzt. Die von Auslandsinvestitionen getragene Industrialisierungswelle unter der Militärdiktatur ließ jedoch völlig neue Schichten zu Teilen des Industrieproletariats werden. Vor allem in der so genannten ABC-Region um São Paulo konzentrierten sich diese neuen Industrien. Dort kam es Ende der 1970er Jahre zur Herausbildung von autonomen, basisdemokratischen Fabrikskommissionen, die zum Ausgangspunkt des novo sindcalismo in Brasilien wurden. Von den Fabrikskommissionen getragen, entwickelten sich 1978, 1979 und 1980 große Streikwellen. Diese überschnitten und durchdrangen sich mit anderen sozialen Bewegungen: den christlichen Basisgemeinden, der Lebenshaltungskostenbewegung gegen manipulierte Inflationsangleichungen sowie mit Stadtteilbewegungen. Diese Streikbewegungen konnten die Unterstützung von großen Teilen der Bevölkerung auf sich verbuchen und zwangen das Militärregime zu großen Zugeständnissen.

Aus den Streikbewegungen heraus gründete sich 1979/1980 die Partido dos Trabalhadores (=PT) sowie 1983 der nicht staatsnahe Gewerkschaftsverband Central Unica dos Trabalhadores (=CUT). Die führende Figur dieser neuen Organisationen war Luiz Inácio da Silva"Lula". In beiden Organisationen fungierten Autonomie und Partizipation als Leitbegriffe. Bis heute verfügt die PT über eine organische Verbindung mit einem breitem Spektrum an sozialen Bewegungen.

Die CUT konnte sich in den 1980er Jahren konsolidieren. Bald zeigte sich jedoch die Ambivalenz von staatsautonomen Tarifverhandlungen: Die Durchsetzungskraft hing von der jeweiligen Mobilisierung ab, die Dezentralität der Verhandlungen und ihre Aufsplitterung schwächte die Gewerkschaftsposition zusehends. Deshalb akzeptierte die CUT in den 1990er Jahren die Teilnahme an neo-korporativistischen Verhandlungsplattformen zwischen Unternehmern, Regierung und Gewerkschaften. Angesichts der neo-liberalen Umstrukturierungen (Privatisierungen, Entlassungen) blieb die CUT jedoch in der Defensive.

In Brasilien orientierte sich die mit den verschiedenen partikularen sozialen Bewegungen eng verbundene PT wieder früh auf die Erringung politischer Macht. Die Präsidentschaftskandidatur Lulas schlug in mehreren Anläufen fehl. Die Übernahme der Kommunalregierung in einigen Städten (z. B. Porto Alegre) ermöglichte zwar eine Reformpolitik unter Einbindung der basisorientierten sozialen Bewegungen. Die strukturell bedingten Ungleichheiten in Brasilien und die geringen Spielräume für Umverteilungsmaßnahmen setzten dieser Kommunalpolitik jedoch enge Grenzen.

Im Jahr 2002 gelang Lula die Übernahme der Präsidentschaft: Mit seinem Amtsantritt kommt es zu einer Rückkehr sozialer Bewegungen auf die Bühne staatlicher Macht. Damit verbunden sind enorme Erwartungshaltungen und Hoffnungen der unterprivilegierten Klassen auf konsequente Reformen. Die Grenzen, die einer autonomistischen Organisation an der Basis immanent sind, sollen nun wieder durch strukturelle Veränderungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene überwunden werden. Allein, die Spielräume für Reformen sind bei Anerkennung der Vorgaben der internationalen Finanzinstitutionen und angesichts des drohenden Finanzkollaps Brasiliens gering. Damit könnte in Brasilien die historische Blockade von konsequenten Reformen zu einer weitergehenden Radikalisierung von Gesellschaft und politischem Handeln führen.

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