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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2.1 Zucker und Freihandel
 up 2.1.4 Zucker als Paradefall für Freihandel

2.1.4.1 Der Transatlantische Dreieckshandel unter der Hegemonie Großbritanniens

Im Bereich des Kolonialhandels im Allgemeinen und in der Zuckerrohrproduktion im Besonderen gelang es Großbritannien, die Vorherrschaft gegenüber den anderen Kolonialmächten zu erringen. Die territorial größten Kolonialisten – Spanien und Portugal – konnten keine nennenswerte Rolle im sich etablierenden Handelssystem spielen.

Der Historiker Immanuel Wallerstein fasst die neu entstandene Hierarchie zwischen den kolonialen Gebieten und den europäischen Mächten so zusammen: Zwischen 1600 und 1750 sei eine neue periphere Region geschaffen worden: "Bei jener peripheren Region handelte es sich um den erweiterten karibischen Raum, der sich von Nordostbrasilien bis Maryland erstreckte und hauptsächlich Zucker, Tabak und Gold lieferte. Den wirtschaftlichen Gewinn teilten sich die Vereinigten Niederlande," (bis 1650) "England," (v.a. ab 1690) und "Frankreich, also die Staaten des Zentrums des kapitalistischen Weltsystems." (Wallerstein, Immanuel (1998): Das moderne Weltsystem II – Merkantilismus. Europa zwischen 1600 und 1750. Promedia: Wien: 194)

Unter der Hegemonie Großbritanniens entwickelte sich ein Handelsnetz, das es auf diese Weise bisher noch nicht gegeben hatte: der Transatlantische Dreieckshandel. Es gab zwar zuvor durchaus große Handelsflotten (China, Spanien). Diese mussten jedoch damit leben, dass bei längeren Handelsreisen die Hin- oder Rückfahrt ohne Ladung und damit ohne Gewinn vor sich ging. Der transatlantische Dreieckshandel sicherte Ladung und Gewinn auf allen Etappen der Handelsreise.

Zur zentralen Rolle der Sklavenarbeit in beiden Phasen des transatlantischen Dreieckshandels schreibt Sidney Mintz:

"[...] in beiden [Phasen] gab es eine ‚falsche Ware – die aber für das System absolut unentbehrlich war –, sie bestand in menschlichen Wesen, in Menschen. Sklaven waren deshalb eine ‚falsche Ware , weil ein Mensch kein Gegenstand ist, selbst wenn er als solcher behandelt wird. In diesem Falle wurden Millionen von Menschen als Waren behandelt. Um sich in ihren Besitz zu bringen, wurden Produkte nach Afrika verschifft; mit ihrer Arbeitskraft wurde in den beiden Amerikas Reichtum geschaffen. Der Reichtum, den sie schufen, floß zum größten Teil nach Britannien zurück; die Produkte, die sie erzeugten, wurden in Britannien konsumiert; und die von den Briten hergestellten Güter – Kleidung, Werkzeug, Folterinstrumente – wurden von den Sklaven konsumiert, die selbst wiederum in diesem Prozeß der Schaffung von Reichtum verkonsumiert wurden." (Mintz, Sidney W. (1987): Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Campus: Frankfurt a. Main/ New York: 72)

Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde das merkantilistische Regime, dessen sich Großbritannien in Bezug auf seine Kolonien in der Karibik selbst bedient hatte, zu einem Hindernis für die weitere Expansion des britischen Kapitalismus: "Smith war der Meinung, daß ‚die industrielle Arbeitsteilung in hohem Maße durch die Ausdehnung des Marktes [im Inland] begrenzt sei, insbesondere durch die Bevölkerung, die sich einer ineffektiven Landwirtschaft widme. Diese Grenze konnte verschoben werden, indem England seinen absoluten Vorteil in der Industrie und beim Export industrieller Produkte im Austausch gegen Rohstoffe ohne die merkantilistische Handelsrestriktion ausnutzte." (Frank, Andre Gunder (1980): Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung. Suhrkamp: Frankfurt a. Main: 122)

Dass Freihandel immer nur für den hegemonialen Akteur vorteilhaft ist, beobachtete bereits der deutsche Nationalökonom Friedrich List:

"Wir haben nachgewiesen, wie England durch seine Politik und durch seine Macht produktive Kraft und durch seine produktive Kraft Reichtum erlangt hat (...). Eine Nation wie die englische, deren Manufakturkraft einen weiten Vorsprung vor der aller anderen Nationen gewonnen hat, erhält und erweitert ihre Manufaktur- und Handelssuprematie am besten durch möglichst freien Handel. Bei ihr ist das kosmopolitische Prinzip und das politische ein und dasselbe." (List, Friedrich (1959): Das nationale System der Politischen Ökonomie. Basel (nach der Ausgabe letzter Hand von 1844): 45)

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