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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.3 Die Kubanische Revolution 1959
 up 4.3.4 Die historische Blockade von Reformen – der Hintergrund der Kubanischen Revolution

4.3.4.1 Die Gründe?

Die Diskussion über die Gründe für die Unterentwicklung im Allgemeinen und die historische Blockade nachholender Modernisierung im Besonderen konstituiert einen zentralen Aspekt der Entwicklungsdebatte nach 1945. Seit 1949 gibt es die Unterentwicklungsdebatte.

Grob gesprochen, lassen sich zwei Annäherungsweisen in dieser Diskussion unterscheiden. Beide bemühen sich um eine Erklärung der historischen Genese der Unterentwicklung.

1.) Außensicht/Exogene Faktoren: Diese Annäherungsweise legt den Schwerpunkt auf die untergeordnete Einbindung der Peripherie in die internationale Arbeitsteilung. Der Weltmarkt und die ungleichen Austauschbeziehungen stellen den strukturellen Träger und Vermittler der Unterentwicklung dar. Diese Außensicht spielt vor allem in der Dependenztheorie und der Weltsystemtheorie eine wichtige Rolle. Als radikale Alternative wird daher die Abkoppelung vom Weltmarkt vorgeschlagen.

2.) Innensicht/Endogene Faktoren: Diese Annäherungsweise wendet den Blick auf die inneren Ursachen der Unterentwicklung und seine sozialstrukturelle Stütze: die herrschende Eliten der unterentwickelten Länder. Diese können keine Träger der notwendigen Reformen bzw. der Modernisierung sein. Sie sind sozial und politisch mit dem Großgrundbesitz verbunden und stellen sich daher gegen jede Lösung der Agrarfrage. Ihre ökonomische Ausrichtung auf die Interessen des Auslandskapitals verhindert Industrialisierung und Modernisierung. Gesellschaftlich tiefgreifende Reformen sind nur gegen diese Bourgeoisie, nicht mir ihr möglich.

Diese Argumentation verfügt über eine weitverzweigte Tradition: Die russischen Bolschewiki führten sie gegen die Menschewiki ins Treffen, Leo Trotzki gegen Stalin, Mariátegui gegen die populistischen Konzepte Haya de la Torres, Andre Gunder Frank gegen die Entwicklungsvorstellungen der Comisión Económica para América Latina (=CEPAL) sowie Che Guevara gegen alle reformorientierten politischen Kräfte. Für die Lösung der historischen Unterentwicklungsblockade steht für die hier genannten geistigen Strömungen eine soziale Revolution im Vordergrund.

Die Entwicklung der Kubanischen Revolution kann als Produkt einer solchen Blockaden-Dynamik betrachtet werden: Das Vorhaben Castros, mittels konsequenter Reformen eine kapitalistische Modernisierung zu ermöglichen, sah sich dem Widerstand der kubanischen Bourgeoisie und der USA gegenüber. Ein Bündel ganz spezifischer Bedingungen führte zur Überwindung dieses Widerstandes und damit zum Bruch mit der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Erst dieser Bruch ermöglichte die Umsetzung der seit Jahrzehnten geforderten Reformen. Martí lo prometió, Fidel lo cumplió, heißt es heute noch in Kuba. ("José Martí hatte es versprochen, Fidel hat es vollbracht.")

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