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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.2 Soziale Bewegungen vor 1945
 up 4.2.4 Die Formierung der Arbeiterbewegung in Lateinamerika

4.2.4.2 Kommunistische Parteien und ihre Stalinisierung

Nach der Oktoberrevolution in Russland 1917 entstanden auch in Lateinamerika kommunistische Strömungen, die zu Abspaltungen und Partei-Neugründungen führten (Argentinien 1918, Mexiko 1919, Uruguay 1920, Chile 1922, Brasilien 1922). Die kommunistischen Parteien blieben über lange Zeit hinweg sehr klein. In Chile, wo die kommunistische Partei am stärksten war, hatten sich bis 1929 nicht mehr als 5.000 Mitglieder eingeschrieben. Die geringe Mitgliederstärke konnte jedoch mit einem großen Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung einhergehen.

Die relativ schwachen kommunistischen Parteien Lateinamerikas gerieten ab Mitte der 1920er Jahre in den Sog des Stalinisierungsprozesses der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale (=Komintern). Die Konferenz der kommunistischen Parteien Lateinamerikas in Buenos Aires im Jahre 1929 bekräftigte diesen Trend, bis Mitte der 1930er Jahre war er abgeschlossen.

Die Stalinisierung umfasste sowohl den organisatorischen als auch den politisch-ideologischen Bereich: Die stalinisierten Parteien waren von einem autoritär-bürokratischen parteiinternen Regime und einer vorbehaltlosen Verbundenheit mit der sowjetischen Führung gekennzeichnet. Ideologisch folgte daraus die Anwendung der so genannten Etappentheorie auf die Entwicklung in Lateinamerika. Nach dieser Theorie mussten die Staaten des lateinamerikanischen Subkontinents zuerst eine bürgerlich-kapitalistische Modernisierungsetappe durchlaufen, bevor das Ziel einer sozialen Revolution angestrebt werden konnte. Dieser linearen Marxismusauslegung folgend wurden die politischen Ziele umformuliert: national-demokratische Revolution (anti-imperialistisch, anti-feudal) statt sozialistischer Transformation, Zusammenarbeit mit dem "nationalen Bürgertum" und der "fortschrittlichen Bourgeoisie" statt eines eliteunabhängigen Auftretens. Ab 1935 wurde diese Ausrichtung in der Volksfront-Taktik fortgeführt: Eine Allianz aller politischen Kräfte sollte unter Aufgabe jeglicher weitergehender politischer Ansprüche die Ausweitung des Faschismus verhindern. Da sozialdemokratische Parteien in Lateinamerika kaum vorhanden waren, lief dies auf die Allianzen mit bürgerlichen Kräften und populistischen Bewegungen hinaus. In Peru z. B.führte diese Politik zuerst zu einer Orientierung auf die populistische Alianza Popular Revolucionaria Americana (=APRA), später auf das liberale Bürgertum. In Kuba brachte diese Orientierung im Jahre 1939 die Unterstützung Fulgencio Batistas – jenes Autokraten, der 1959 von den Rebellen um Fidel Castro gestürzt wurde – durch die Kommunisten mit sich.

Diese ideologische und politische Orientierung bewirkte in vielen Ländern eine weitgehende Diskreditierung und Isolierung der kommunistischen Parteien von den unterprivilegierten Klassen.

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