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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.1 Soziale Bewegungen – Definitionen und Blickwinkel
 up 4.1.1 Soziale Bewegungen: Definitionsmöglichkeiten

4.1.1.1 Eine soziologische Definition

Der Lateinamerikanist Dieter Boris, der eine Überblicksdarstellung zu den sozialen Bewegungen in Lateinamerika vorgelegt hat, schlägt als ersten Schritt folgende Definition vor:

"Soziale Bewegungen sind gesellschaftliche Protestgruppierungen, die mehr oder minder dauerhaft zusammengeschlossen sind, gegen bestimmte, von ihnen als bedrohlich empfundene Mißstände angehen und sich jenseits parteipolitischer Bindungen engagieren."

(Boris, Dieter: Soziale Bewegungen in Lateinamerika. VSA: Hamburg: 1998: 9)

Diese Definition folgt den Konnotationen der 1980er Jahre und schränkt den Begriff soziale Bewegungen auf jenen Wirkungskreis ein, der oft mit Neue Soziale Bewegungen umschrieben wird: Aus der Kritik an den bis Ende der 1970er Jahre bestehenden Parteien, Gruppierungen, Gewerkschaften und Vereinigungen und ihren ideologischen Hintergründen konstituierten sich diese Neuen Sozialen Bewegungen in vielen Teilen der Welt mit folgenden Ansprüchen:

  • Keine Parteianbindung mehr
  • Die Organisierung einer partikularen sozialen Basis und das Eintreten für partikulare Ziele
  • Die Ablehnung von historischen Missionen (wie Revolution, Sozialismus etc.) und die Verfolgung nicht-systemübergreifender Ziele
  • Die Analyse von strukturellen Klassenunterschieden wird nachrangig; es geht um die Gruppeninteressen der AkteurInnen

Eine Einschränkung der Definition auf die Neuen Sozialen Bewegungen birgt jedoch die Gefahr, nur systemintegrierbare Bewegungen in Betracht zu ziehen. Deren Inkorporation in die bestehenden ökonomischen und politischen Bedingungen würde hierbei zum Maßstab des Erfolges der sozialen Bewegungen gemacht. Für eine historische Betrachtung sozialer Bewegungen in Lateinamerika ist jedoch der Blick auf nicht integrierbare und systemübergreifende Bewegungen ("anti-systemische Bewegungen" Immanuel Wallerstein) maßgebend. Ihre radikalen Analysen und Vorstellungen verkörpern den Rahmen des Ideenfundus zur politischen Veränderung. Nur innerhalb des Horizonts dieser radikalen Komponenten lässt sich ein Bild der sozialen Bewegungen in Lateinamerika entwerfen.

Soziale Bewegungen = Zivilgesellschaft?

Seit den 1990er Jahren scheint in den politischen und ökonomischen Debatten der Begriff der sozialen Bewegungen aufs Engste mit dem Begriff der Zivilgesellschaft verbunden zu sein. Die Zivilgesellschaft soll dabei das neue Subjekt gesellschaftlicher Veränderung verkörpern. Dabei ist der Begriff Zivilgesellschaft zu einem Plastikwort geworden, das – einer ideologischen shareware gleich – verschiedensten Interessen und politischen Hintergründen als Füllwort für unterschiedliche Ziele dient.

Die verschiedenen Interpretationen lassen sich in folgende Gruppen einteilen:

a.) autonomistische Interpretation: Zivilgesellschaft als Sphäre basisdemokratischer Partizipation abseits von Staat und als Gegengewicht zu ökonomischen Machtstrukturen

b.) neoliberale Interpretation: Zivilgesellschaft als Teil der Vermarktwirtschaftlichung des gesellschaftlichen Lebens

c.) regierungsorientierte Interpretation: Zivilgesellschaft als Institution-building

Allen Interpretationen ist gemeinsam, dass die Analyse der Klassengegensätze und ihrer ökonomischen Hintergründe tendenziell ausgeklammert wird.

Der unterschiedliche Inhalt und die Unschärfe des Begriffs Zivilgesellschaft lassen seine Brauchbarkeit für die Betrachtung sozialer Bewegungen in historischer Perspektive zweifelhaft erscheinen.

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