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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2.1 Zucker und Freihandel

2.1.4 Zucker als Paradefall für Freihandel

Alle drei in die Zuckerproduktion involvierten Akteure – Spanien, Portugal (bzw. die Niederlande), England – gehorchten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts einer speziellen Logik des Zuckervertriebs. Dieses Vertriebssystem wird als merkantilistisch bezeichnet. Die Absicht des Merkantilismus (16. bis 18. Jahrhundert) ist die Stärkung des Staates, der entstehenden Nation. Zu diesem Staat werden auch die Kolonien gezählt. Das handelspolitische Ziel ist eine aktive Handelsbilanz, d. h. mehr Exporte als Importe.

Wie der englische Nationalökonom John Stuart Mill 1849 beobachtete, galten koloniale Lieferungen an das Mutterland hierbei nicht als Exporte, sondern als Binnenhandel: "Der Handel Englands mit Westindien kann kaum als ein auswärtiger Handelsverkehr betrachtet werden, sondern er gleicht mehr einem Verkehr zwischen Stadt und Land (...)." (zit. nach: Frank, Andre Gunder (1980): Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung. Suhrkamp: Frankfurt a. Main: 119)

Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Merkantilismus

:

  • Privilegierung und Förderung der Exportindustrie (so z. B. der Zuckerrohrproduktion in den Kolonien)
  • Rohstoffe sollen nicht exportiert werden
  • Fertigwaren sollen nicht importiert, sondern im eigenen Land hergestellt werden
  • Die Bevölkerung soll sich möglichst vergrößern, um ein entsprechendes Arbeitskräftepotenzial zu schaffen
  • Die Kolonien haben die Funktion, Rohstoffe für die Exportindustrie im Mutterland und Arbeitskräfte bereit zu stellen

Der Historiker Sidney Mintz fasst das merkantilistische System so zusammen:

"Kaufe Fertigwaren niemals anderswo, verkaufe deine (tropischen) Erzeugnisse niemals anderswohin und benutze für den Gütertransport ausschließlich englische Schiffe: fast zwei Jahrhunderte lang verbanden diese Gebote, die kaum weniger geheiligt wurden als die Bibel, Plantagenbesitzer und Raffineure, Kaufleute und Abenteurer, jamaikanische Sklaven und Liverpooler Schauerleute, Monarchen und Bürger miteinander." (Mintz, Sidney W. (1987): Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Campus: Frankfurt a. Main/ New York: 75)

Auf diese Weise begann für London ab 1585 der Aufstieg zum bedeutendsten Raffineriezentrum für den europäischen Handel mit Zucker. Der Zucker wurde als Melasse nach England verbracht und dort weiter verarbeitet. Noch vor der dominanten Stellung im Anbau hatte England beinahe eine Monopolstellung in Vertrieb und Verarbeitung von Zucker errungen.

 down 2.1.4.1 Der Transatlantische Dreieckshandel unter der Hegemonie Großbritanniens
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