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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2.3 Henequén-Boom in Yucatán 1870–1930
 up 2.3.3 Henequén-Produktion auf der Halbinsel Yucatán
 up 2.3.3.3 Die Henequén-Hazienda

2.3.3.3.1 Die Hazienda im kapitalistischen Weltsystem

Nach der vom Historiker Immanuel Wallerstein formulierten Weltsystemtheorie stellt der Haushalt in prä-kapitalistischen Sozialstrukturen einen tragenden Akteur dar: Der Haushalt ist hier eine Versorgungsgemeinschaft. Aus der Logik dieser Haushalte heraus darf die Existenzsicherung nicht ausschließlich von Lohnarbeit abhängig werden.

Die Logik des kapitalistischen Weltsystems, der so genannten Weltwirtschaft, läuft diametral gegen die Logik der Haushalte: Hier werden die Haushalte für die soziale Reproduktion funktionalisiert. Sie leisten nur noch die gesellschaftlich notwendige Schattenarbeit. Die nicht-kapitalistische Logik der Existenzsicherung abseits von Lohnarbeit muss in den Hintergrund treten. Nach dem Anthropologen Pierre Clastres werden jene Menschen, die dieser Logik folgen, zu "Staatsfeinden".

Die Durchsetzung des kapitalistischen Weltsystems hat erhebliche Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird Essenmachen zur industriellen Routine. Die Arbeitskraft erhält Lohn für ihre Arbeit, um damit Essen zu kaufen. Männer erscheinen hier als die Ernährer, Frauen werden strukturell machtlos.

Die Henequén-Hazienda verkörperte die Verbindung beider Logiken. Einerseits reproduzierten die Frauen das Leben: sie waren für die Ernährung sowie für die Versorgung und Erziehung der Kinder zuständig. Allerdings erhielt die männliche Arbeitskraft bereits die Nahrungsmittel vom patrón als Teil des Lohns (bzw. aufgrund seiner Verschuldung als eigentlichen Lohn; der Rest wurde gestundet). Dabei wurden die Frauen unsichtbar, die Männer kollaborierten mit dem patrón und führten die hierarchischen Machtverhältnisse der Haziendas im Haushalt fort.

Die Schuldknechtschaft auf der Hazienda war keine Sklaverei im juristischen Sinne. Die Akquisition der Menschen entfiel auf der Hazienda. Die Hazienda-Arbeiter wurden nicht käuflich erworben, sondern kamen freiwillig, unter dem ökonomischen Zwang der Verschuldung.

Die Organisation der Sklavenarbeit auf den Baumwollfarmen der USA z. B. ließ hingegen der Logik der Haushalte, die nach Eigenversorgung strebt, mehr Raum: Im System des slave breeding sollte den Sklavenfamilien ausreichende und autonome Reproduktionsbedingungen zur Verfügung gestellt werden. So erhielten die Sklavenfamilien Land zur landwirtschaftlichen Eigenversorgung.

In Bezug auf die innere Organisation der Arbeit und die sozialen Beziehungen war die Henequén-Hazienda ein Amalgam aus traditionellem Design und moderner kommerzieller Plantage. In Bezug auf die Außenbeziehungen, d. h. in ihrer Ausrichtung auf den Weltmarkt war die Henequén-Hazienda jedoch eine moderne Plantage: Sie ist eine Kombination aus Feld und Fabrik. In ihr flossen Henequén-Anbau, Weiterverarbeitung, Kommerzialisierung, Infrastrukturausbau sowie die Staatsmacht zusammen.

Der Komplex der Henequén-Haziendas Yucatáns bildete ein informelles Imperium, in dem die Macht zwischen intern gefestigten Eliten und ausländischen Ankäufern organisiert wird.

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