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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.5 Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.5.3 Beispiele für die Neuen Sozialen Bewegungen
 up 4.4.5.3.1 Die Rolle der neuen Bewegungen – das Beispiel Brasilien

4.4.5.3.1.2 MST – eine militante Landlosenbewegung in Brasilien

© Christina Schröder

In wenigen Ländern ist der Landbesitz so ungleich verteilt wie in Brasilien. Die historischen Wurzeln dafür gehen weit zurück. Seit der Eroberung der Portugiesen hat sich ein halb-feudales System entwickelt, mit Latifundienbesitzern auf der einen Seite und landlosen Landarbeitern auf der anderen. So besitzen heute etwa 1,4% der landwirtschaftlichen Betriebe über 50% der nutzbaren Landfläche (60% davon liegen als Spekulationsobjekt brach), während sich 90% der Bauern mit rund 22% des nutzbaren Landes zufrieden geben müssen. Somit sind ca. 25 Millionen Menschen auf der Suche nach Land.

Einer Agrarreform haben sich in den letzten Jahrzehnten viele NGOs, Gewerkschaftsverbände und auch staatliche Initiativen verschrieben und es ist, obwohl seit dem Ende der Militärdiktatur (1964–1985) jede Regierung eine Agrarreform versprochen hat, noch zu keiner nennenswerten Verbesserung der Landfrage gekommen. Im Gegenteil: Im Zuge der neoliberalen Politik des Präsidenten Fernando Henrique Cardoso hat sich die Lage verschärft. Seit seinem Amtsantritt (Januar 1995) sollen laut einer von der katholischen Kirche angeforderten Untersuchung rund 80 000 Arbeitsplätze im Agrarsektor aufgrund der Öffnung der Märkte, der Überbewertung der Währung und der damit einhergehenden Verbilligung der Lebensmittelimporte verloren gegangen sein.

Vor fast 20 Jahren hat sich im Süden, in dem seit den 1970er Jahren infolge von Modernisierungsmaßnahmen viele agroindustrielle Komplexe entstanden sind, die Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (=MST) gebildet. Weil viele Bewegungen zu wenig revolutionär und mit der Regierung zu konformistisch waren, erlangte die MST, auch wegen ihrer Medienwirksamkeit und ihrer ehrgeizigen, straff organisierten Aktionen bald breite Unterstützung vom Volk. Beispiele dafür sind:

  • Besetzung von ungenutztem Land (daher die Forderung zur Enteignung durch den Staat)
  • Besetzung von Land, auf welchem unter schlechten Bedingungen produziert wird (niedrige Löhne, mangelnde Rechte der ArbeiterInnen, umweltschädliche Techniken)
  • Besetzung von Land, das vom Staat wegen Schulden des Besitzers beschlagnahmt wurde und seitdem brachliegt
  • Wiederholte Besetzung von Latifundien besonderer Bedeutung (wie zum Beispiel die Besetzung des Großgrundbesitzes von F.H. Cardoso 1999), um die internationale und nationale Aufmerksamkeit auf die Aktionen zu lenken
  • Organisation von Großkundgebungen (wie z. B. 1997 Sternmarsch auf Brasilia, an dem 40 000 Gegner Cardosos Politik teilnahmen)

Landbesetzungen sind die wichtigsten Aktionen der MST. So werden jeweils ein paar Familien angesiedelt, die Produktionsgemeinschaften eingehen. Ihr Ziel ist es, eine effiziente Produktion mit gemeinsamer Verwaltung und mit Hilfe modernerer Produktionsmittel zu gewährleisten. Dafür organisiert die MST Schulungen. Die MST betont die Bedeutung des Kollektivs gegenüber dem Individuum und die Wichtigkeit der Organisation gegenüber persönlichen Belangen. Neben dem Ziel, ein neues auf sozialistischer Basis beruhendes ökonomisches System zu errichten, steht die MST noch für andere Bestrebungen:

  • Schaffung einer Gesellschaft ohne Ausbeuter, in der die Arbeit über dem Kapital steht
  • Streben nach sozialer Gerechtigkeit und gleichen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Rechten
  • Verbreitung humanistischer und sozialistischer Werte in den sozialen Beziehungen
  • Ächtung aller Formen sozialer Diskriminierung und Bemühung um die Gleichstellung von Frauen

Bis Ende der 1990er Jahre konnte die MST für ca. 350.000 Familien Land erkämpfen.

Obwohl sich die MST keineswegs auf eine homogene gesellschaftliche Basis stützen kann, tritt sie doch als einheitliche Massenbewegung auf. Ihre Anhänger sehen sich als Verlierer der Modernisierung.

Die MST könnte gute Chancen haben, eine substantielle Landreform in Brasilien zu erkämpfen. Die Führerschaft ist jung und kämpferisch und lässt sich trotz Versprechen seitens der Regierungen nicht ihrer Radikalität berauben. Geschickt bindet die MST die Bevölkerung in ihre Vorgehensweisen ein, sei es durch Massenkundgebungen, Hungermärsche, Besetzungen von Agrarbehörden, Blutspenden oder andere medienwirksame Aktionen. Das repressive Vorgehen des Militärs und der Regierung (z. B. das Massaker von 1996, bei dem 19 AktivistInnen ermordet wurden) bringt der MST immer wieder neue Sympathiewellen. Diese Bewegung schaffte es, Cardosos neoliberale Maßnahmen politisch in Frage zu stellen. Obwohl sich die MST nicht in eine politische Partei verwandeln will, da sie sich als rein soziale Bewegung mit dem Ziel der Landreform sieht, hat die Bewegung den parlamentarischen Weg schon teilweise betreten. Denn einige MST-Aktivisten sind als Kandidaten der Arbeiterpartei (Partido dos Trabhaladores [=PT]) in die verschiedenen Körperschaften gewählt worden. Die Verknüpfung und Verbindung der MST mit der PT stellt einen wichtigen Bestandteil des Erfolges der Bewegung dar. Nachdem bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2002 der Kandidat der Arbeiterpartei (PT), Luiz Inácio da Silva"Lula", gewonnen hat, gibt es nun endlich wieder eine realistische Chance, die Landfrage durch eine Agrarreform zu lösen.

Internet: http://www.mst.org.br/

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