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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.5 Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.5.3 Beispiele für die Neuen Sozialen Bewegungen

4.4.5.3.2 Abuelas de Plaza de Mayo – eine soziale Bewegung in Argentinien

© Barbara Heim

Nach dem Militärputsch in Argentinien am 24. März 1976 wurde General Videla neuer Präsident des Staates. Es begann die Zeit des schmutzigen Krieges gegen die eigenen Bürger. Im Namen der nationalen Sicherheit wurden so genannte subversive Elemente, die nach Meinung der Herrschenden die traditionellen Werte der Gesellschaft untergruben, entführt, gefoltert und ermordet. Vor dem Verschwinden war niemand sicher. Männer, Frauen, Jugendliche, aber auch Kleinkinder und Schwangere verschwanden ohne Hinweise auf ihren Aufenthaltsort. Die Entführten wurden an geheime Orte, wie etwa ein kleines Haus oder eine Autowerkstatt, gebracht und dort gefoltert.

Viele Kinder wurden gemeinsam mit ihren Familien verschleppt oder kamen in Gefangenschaft in Konzentrationslagern zur Welt. Diese Kinder wurden in vielen Fällen als eine Art Kriegsbeute von hohen Regierungsmitgliedern, Militärs oder Polizisten adoptiert. Andere wurden auf der Straße oder vor Kinderheimen ausgesetzt. Die Absicht der Regierung war es, durch diese brutalen Maßnahmen die Kontrolle über die Erziehung von Kindern als subversiv geltender Eltern zu erlangen. Durch diese Vorgehensweise wurde die Identität der Kinder vorsätzlich verwischt.

Im Jahr 1976 schlossen sich Großmütter, die auf der Suche nach ihren verschwundenen Enkelkindern waren, zu einer Organisation zusammen. Eine der Aktivistinnen war María Isabel Chorobik de Marioni, die ihre drei Monate alte Enkelin zuvor schon bei Polizei, Armee und Richtern vermisst gemeldet und gesucht hatte. Der erste Name der Organisation war Abuelas Argentinas con Nietos Desaparecidos. Später wurde der Name in Abuelas de Plaza de Mayo in Anlehnung an die Madres de Plaza de Mayo geändert. Viele Großmütter waren zuvor bei den Madres de Plaza de Mayo aktiv geworden. Die beiden Gruppen trafen sich zu wöchentlichen Demonstrationen auf dem namensgebenden Plaza de Mayo (vor dem Regierungspalast in Buenos Aires). Dort versuchten sie mit Fotos ihrer Kinder auf deren Verschwinden aufmerksam zu machen. Das Ziel der nicht-staatlichen Organisation war und ist es, alle Kinder, die während der Militärdiktatur entführt wurden, wiederzufinden und an ihre rechtmäßigen Familien zurückzuführen. Viele der Großmütter waren, bevor sie auf diese Weise politisch aktiv wurden, Hausfrauen. Um für die Rechte zweier Generationen, ihrer Kinder und Enkelkinder, zu kämpfen, mobilisierten sie sich. Die Großmütter forderten bei verschiedenen Gerichtshöfen die Rückgabe ihrer Enkelkinder sowie die Untersuchung der Umstände ihres Verschwindens. Sie organisierten Demonstrationen, stellten Anfragen bei Gericht und den Kirchen und wandten sich auch an internationale Organisationen, wie die UNO. Obwohl viele Mitglieder der Organisation während der Diktatur bedroht wurden, verschwand keine der Aktivistinnen.

Nach der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1983 verstärkten die Großmütter ihre Kampagnen. Sie machten mit Plakaten und Flugblättern, mit Radio- und TV-Spots sowie mit Anzeigen in Zeitungen auf das Problem der während der Diktatur verschwundenen Kinder aufmerksam. Viele Überlebende sagten aus, dass in den verschiedenen Camps Schwangere inhaftiert und Kinder geboren worden waren.

Doch die verschwundenen Kinder zu finden, war nur ein erster Schritt. Anschließend musste erst bewiesen werden, dass es sich wirklich um das gesuchte Kind handelte. Erst ein Bluttest konnte die biologische Abstammung von einer bestimmten Familie nachweisen. Daher wurde auf Initiative der abuelas hin die "Nationale Genetische Datenbank" eingerichtet. Diese speichert die genetischen Informationen von Familien, die nach ihren Kindern suchen. Die genetischen Tests werden von einer öffentlichen Einrichtung durchgeführt. Die Datenbank steht jedem offen. Im Jahr 1987 wurde das erste Kind, das in Gefangenschaft geboren worden war, nach einem Gentest seiner Familie zurückgegeben. Bis heute haben etwa 2000 Menschen aus ungefähr 175 Familien Blut für die Datenbank zur Verfügung gestellt.

Heute arbeiten die abuelas auf verschiedenen Ebenen. Sie bringen Beschwerden und Anzeigen bei staatlichen Autoritäten ein, organisieren Demonstrationen und geben der nationalen und internationalen Justiz Hinweise. Viele Kinder wurden nämlich in den Jahren der Diktatur auch ins Ausland verkauft oder verschleppt. Die Hauptarbeit der abuelas besteht heute noch in persönlichen Nachforschungen.

Nach der Auffindung werden die Kinder mit ihren biologischen Familien zusammengeführt. Unter dem Motto Vuelta a la vida (Rückkehr ins Leben) soll den Kindern ihre Identität wiedergegeben werden. Dies geschieht unter Aufsicht von PsychologInnen und AnwältInnen. Viele der verschwundenen Kinder wurden aber auch in gutem Glauben von Familien adoptiert, die von der Herkunft der Kinder nichts wussten. Daher sind Mediationen zwischen den Familien extrem wichtig. Erst wenn nach vielen Gesprächen keine für beide zufriedenstellende Lösung erzielt wird, wird die Justiz eingeschaltet. Bis heute wurden 73 verschwundene Kinder wiedergefunden.

Internet: http://www.abuelas.org.ar

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