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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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2.4.4.1 Venezolanisches Erdöl: Die vermeintliche Petrobonanza

© Karl Walter

"...und vom Werte der Exporte kommt die Hälfte nie wieder ins Land", sagt Eduardo Galeano im Hinblick auf die Ausbeutung des Venezolanischen Erdöls durch die multinationalen Ölgesellschaften. (Galeano, Eduardo (1992, 15. Auflage): Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents von der Entdeckung bis zur Gegenwart. Peter Hammer Verlag: Wuppertal: 262)

Damit drängt sich die Frage auf: Was hat Venezuela mit der verbliebenen Hälfte der Exporterlöse gemacht?

Der israelische Wirtschaftsfachmann Meir Merhav hat im Auftrag der Regierung Hererra im Jahre 1979 eine diesbezügliche Bestandsaufnahme vorgenommen. Zu den Ergebnissen folgendes Zitat: "Despite more than 20 years of populist democracy, a study of 112,000 Venezuelan children revealed a nation that was largely undernourished, undereducated, and often physically weak. It appears that for nearly 20 years, the populist politicians attacked the nation s social problems by spending money on rapidly built, tangible, capital projects rather than on developing sound programs to improve the nation s health, education, and welfare [...]. After spending $ 50 billion, Venezuela showed a muddled economy and an inefficient and inequitable society rather than a mixed economy and social reform." (Blank, David Eugene (1984): Venezuela. Politics in a Petroleum Republic. Praeger Publishers: New York: 129–130)

Das verfügbare Geld, aber auch Kredite, wurden nicht nur in unsinnige Megaprojekte gesteckt, sondern auch für Konsum und verschwenderische Wahlkämpfe zweckentfremdet. Über 60 % der eingeführten Konsumgüter waren Luxusgüter. Die einheimischen Eliten genossen den höchsten Lebensstandard Lateinamerikas. Fortschrittsglaube, Auslandsorientierung und Verschwendung waren Kennzeichen dieser Klasse.

Ergänzend dazu zwei Schlaglichter: 1982 stellte der venezolanische Rechnungshof fest, dass infolge der Sorglosigkeit, mit welcher die 226 öffentlichen Gesellschaften geführt wurden, in einem Zeitraum von zwei bis drei Jahren Verluste von rund 8 Mrd. US-Dollar angefallen waren. Ebenfalls im Jahr 1982 wurden für die Stützung der Preise von Erdölprodukten im Inland zwischen 4,2 und 4,8 Mrd. US-Dollar (je nach Berechnungsart) aufgewendet. Die mit Hilfe dieser Subventionierung künstlich niedrig gehaltenen Preise – im Durchschnitt mehr als 50 % unter den Gestehungskosten – begünstigten vor allem den privaten Verbrauch.

Hat Venezuela etwas gegen diese Ausbeutung unternommen? Durchaus. Unabhängig von ihrer weltanschaulichen Ausrichtung haben schon in den späten 1930er Jahren venezolanische Regierungen versucht, ihre Gewinnanteile zu steigern. Mit einigem Erfolg: zwischen 1946 und 1975 gelang es, den Anteil Venezuelas an den Gewinnen der multinationalen Erdölgesellschaften von etwa 7 % (1936) auf 75 % zu steigern.

1960 gab Venezuela den Anstoß zur Gründung der Organization of Petroleum Exporting Countries (=OPEC), 1971 wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Rückfall der vergebenen Konzessionen an Venezuela vorsah. 1976 wurde die Erdölindustrie verstaatlicht. Damit hatte Venezuela endlich das alleinige Verfügungsrecht über sein Erdöl und Erdgas.

Wie aber sind die jeweiligen Regierungen und Machthaber mit dem Zugriff auf diese Ressource umgegangen? Hat sich seit 1976 oder – wenn man will – seit dem Merhav-Report von 1979 Wesentliches geändert?

Venezuela hat laut OPEC zwischen 1980 und 2001 rund 2,3 Mrd. Tonnen Rohöl gefördert und rund 1,5 Mrd. t Rohöl sowie einige hundert Millionen Tonnen Erdölprodukte exportiert. Diese Exporte brachten einen Erlös von rund 300 Mrd. US-Dollar. Addiert man noch die Jahre 1976–80 hinzu, ergeben sich – konservativ geschätzt – Einnahmen von rund 330–350 Mrd. US-Dollar.

Nun sind diese Erlöse nicht mit Gewinnen zu verwechseln, doch selbst nach Abzug aller Kosten flossen enorme Beträge in die Staatskassen.

Bei der Verwertung dieser petrobonanza haben aber die jeweiligen Machthaber versagt. Dazu der venezolanische Wirtschaftsanwalt und Professor für höhere Studien Pedro Pablo Aguilar: "Venezuela ist kein reiches Land und ist es nie gewesen. Der Reichtum befand sich in den Händen der fast immer ineffizienten korrupten Regierungen." (Aguilar, Pedro Pablo (2001): Venezuela: Der Erdölproduzent unter dem System Chávez. In: www1.kas.de/publikationen/2001/ai/10_aguilar.pdf [2.04.03]: 54)

Fazit: zwischen 1980 und 1992 ist der Prozentsatz der Haushalte, die unterhalb der Armutsgrenze liegen, von 22 auf 33 % gestiegen. Für 2001 wird der Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze mit 52 % angegeben.

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