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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002
 up 4.5.4 El Argentinazo 2001/2002

4.5.4.2 Ein Argentinien "von unten"

Die sozialen Bewegungen, die sich mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch im Dezember 2001 mobilisiert hatten und zum Sturz des Präsidenten Fernando de la Rua führten, entzogen der herrschenden Elite ihre Legitimität. Eine zentrale Forderung der Demonstrationen lautete: ¡Que se vayan todos! (Alle sollen gehen!). Der völlige Verlust des Vertrauens in jene freibeuterischen bürgerlichen Klassen und jene korrupte Staatselite, die den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verantworten hatte, spiegelte sich auch in Phänomenen wie den escraches wider: Bekannte PolitikerInnen, UnternehmerInnen, regierungstreue Journalisten, hohe Beamte und Militärs sowie Kirchenoberhäupter wurden dabei auf offener Straße verbal angegriffen und ob ihrer Verantwortung für das Debakel angeklagt – die Privatsphäre der vermeintlichen FührerInnen der Nation wurde nicht mehr respektiert.

In Tausenden Nachbarschaftsversammlungen und ihren überlokalen Zusammenschlüssen (interbarriales) wurde die Selbsthilfe angesichts der ökonomischen Krise organisiert und die politische Zukunft der Landes debattiert. Die Forderungen gingen dabei über den unmittelbar ökonomischen Bereich hinaus und stellten das ökonomische und politische Strukturgefüge Argentiniens in Frage: Wiederverstaatlichung der privatisierten Unternehmen, Vergesellschaftung aller in der Wirtschaftskrise geschlossenen Unternehmen, soziale Verbesserungen, ein neues politisches System, Öffnung der geschlossenen Konten für kleine Einlagen und keine Begleichung der (Auslands-)Schulden mehr.

Ein wichtiges Rückgrat der sozialen Bewegungen stellten dabei weiterhin die piqueteros dar – jene militanten Arbeitslosenverbände, die sich in Auseinandersetzungen mit Polizei und Spezialeinheiten nicht selten durchsetzten.

Darüber hinaus kam es im Jahr 2000 immer wieder zu Fabriksbesetzungen – vor allem dort, wo die ehemaligen Eigentümer das Land verlassen hatten. Die ArbeiterInnen versuchten dabei die Produktion wieder aufzunehmen und selbst zu organisieren.

Tauschökonomische Netzwerke (trueques), die Einführung von Parallel-Währungen sowie der zunehmende Rückzug der sozialen Bewegungen auf lokale Selbsthilfe machen deutlich, dass die politische Stabilisierung Argentiniens im Jahr 2002 nicht zuletzt auf die tiefe ökonomische Krise nach dem Zusammenbruch im Dezember 2001 zurückzuführen ist: Ins Zentrum rückte das bloße Überleben, die politische Massenmobilisierung trat in den Hintergrund.

Diese wirtschaftliche Krise brachte mit sich:

  • Hohe Preissteigerungen (Kaufkraftverlust der Löhne um 60%)
  • Peso-Abwertung um 75%
  • Investitionsrückgang um 40%
  • Weitere Sparmaßnahmen der Regierung
  • Bis zu 50% der Bevölkerung rutschte unter die Armutsgrenze
  • In einem der ehemals reichsten Länder der Erde nehmen in einigen Regionen Hunger und Unterernährung dramatisch zu

Ein wichtiger Stabilisierungsfaktor war der peronistische GewerkschaftsverbandConfederación General de Trabjo (=CGT). Er verpflichtete sich dem peronistischen Interimspräsidenten Eduardo Duhalde – größere Streikbewegungen blieben im Jahr 2002 aus.

Darüber hinaus vermochten die massiven, jedoch zersplitterten und dezentralen sozialen Bewegungen ihr Mobilisierungsgewicht noch nicht in einer politischen Formation zu bündeln. Bei den kommenden Wahlen steht deshalb keine aus der Massenbewegung entstandene politische Alternative zur Verfügung; eine Alternative, die glaubhaft die Ansprüche der sozialen Bewegungen auf ein Programm konzentrieren und damit die populistische Tradition des Peronismus herausfordern könnte.

Damit steht Argentinien stellvertretend für ein allgemeines Kennzeichen sozialer Bewegungen Lateinamerikas zum gegenwärtigen Zeitpunkt: Einerseits zeigen sich die sozialen Bewegungen an Größe, Radikalität und Durchschlagskraft in vielen Ländern neu erstarkt. Andererseits fehlt jedoch in vielen Staaten eine politischen Formation, welche mit einem weitergehenden proyecto político die Hoffnungen der sozialen Bewegungen auf sich vereinen könnte und die strukturellen Konstellationen in Lateinamerika in Frage zu stellen in der Lage wäre.

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