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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002
 up 4.5.3 Hugo Chávez: vom Linkspopulismus zur offenen Konfrontation

4.5.3.1 Das Ende der venezolanischen Stabilität und der Aufstieg von Hugo Chávez

Venezuela ist einer der größten Weltmarktanbieter des Leitrohstoffs des 20. Jahrhunderts: des Erdöls. Erdölförderung und -produktion übten seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen entscheidenden Einfluss auf Venezuelas Ökonomie und Politik aus.

In den 1970er Jahren kam es im Zuge der gestiegenen Erdölpreise zu einer Öl-Bonanza. Die Verstaatlichung der Erdölindustrie 1976 unter Carlos Andrés Pérez (1974–1979) ermöglichte die Errichtung eines klientelistischen Verteilungssystems. Damit konnten Teile der Arbeiterschaft auf einer klassenübergreifenden nationalistischen Grundlage gesellschaftlich integriert werden. Trotz der damit einhergehenden sozialen Reformen stieg die traditionell hohe Einkommensungleichheit in Venezuela weiter an. Die Früchte des Erdölbooms kamen daher nur Teilen der venezolanischen Bevölkerung zugute.

Nach dem Ende der Öl-Bonanza in den 1980er Jahren und aufgrund der zunehmenden Verschuldung brach 1989 eine Finanzkrise aus. Das daraufhin verordnete wirtschaftliche Schockprogramm führte zu einem spontanen Volksaufstand im Februar 1989 (dem sog. Caracazo). Dieser wurde blutig niedergeschlagen. Der Caracazo bewirkte trotz seiner Niederschlagung einen nachhaltigen Aufschwung sozialer Basisbewegungen.

Im Februar 1992 versuchten links-nationalistische Offiziere unter Hugo Chávez durch einen Militärputsch die Macht zu ergreifen. Die putschenden Offiziere nahmen dabei explizit auf die Forderungen des Caracazo Bezug. Nachdem der Putschversuch gescheitert war, gründete Hugo Chávez Mitte der 1990er Jahre die links-nationalistische Bewegung Movimiento Bolivariano 2000.

Rafael Caldera, der bereits 1968 bis 1973 Präsident gewesen war, stand ab 1993 neuerlich einer Koalitionsregierung vor. In dieser Koalition war über die Jahre hinweg das gesamte etablierte politische Spektrum Venezuelas vertreten: die Christdemokraten, die Movimiento al Socialismo (=MAS) unter Teodoro Petkoff, die kommunistische Partei und die sozialdemokratische Acción Democrática (=AD). Dieser Regierung oblag die Durchführung der weitreichenden Strukturanpassungsprogramme.

Dass das gesamte politische Spektrum – von links bis rechts – zum Träger der neoliberalen Strukturanpassung geworden war, bewirkte bis Ende der 1990er Jahre eine weitreichende Abnutzung und Diskreditierung dieses etablierten politischen Systems.

Dies bereitete den Weg für eine neue, noch nicht getestete, politische Kraft. So konnte Hugo Chávez mit dem Bündnis Polo Patriótico1998 die Präsidentschaftswahlen gewinnen. Chávez, dessen politische Bedeutung bis 1998 nur gering war, trat mit der Aussicht auf umfassende Sozialreformen an. Die unterprivilegierten Klassen, besonders die städtischen Armen, mobilisierten sich während des Wahlkampfes um Chávez Plattform und verschafften ihm eine soziale Basis. Der überraschende Wahlsieg bedeute gleichzeitig den Zusammenbruch des alten politischen Systems in Venezuela.

Dieser Zusammenbruch bot Chávez die Gelegenheit, eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen. Mit der neuen Verfassung wurde eine Bolivarianische Revolution und die Gründung einer Bolivarianischen Republik ausgerufen. Der Begriff Bolivarianische Revolution definiert unter Rückgriff auf Simón Bolívar einen emanzipatorischen, an Sozialreformen ausgerichteten Nationalismus.

Die Wiederwahl von Chávez im Jahr 2000 spiegelte die enorme Unterstützung wider, die er bei den unterprivilegierten Klassen genoss. Immer deutlicher wurde, dass sich Chávez Position in hohem Ausmaß auf die Mobilisierung der Unterschichten stützte.

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