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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002
 up 4.5.2 Ekuador: indigene Bewegungen und gesamtgesellschaftliche Revolte

4.5.2.4 Vom Aufstandsversuch zu Lucio Gutiérrez

Die Ereignisse in Ekuador im Januar 2000 stellten die erste (und wahrscheinlich kürzeste) Revolution des 21. Jahrhunderts dar. Trotz der erfolgreichen Machtergreifung durch eine Indígena-Bewegung, konnte keine strukturelle Gesellschaftsveränderung in Ekuador bewirkt werden. Der Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (=CONAIE) fehlte im entscheidenden Moment eine politische Perspektive und ein Programm, mit denen sie die Ansprüche der mobilisierten Massen dauerhaft hätten umsetzen können.

Der qualitative Wandel von einer partikularen Bewegung, die dem Typus der Neuen Sozialen Bewegungen entspricht, hin zu einer gesamtgesellschaftlich bestimmenden Kraft, die das treibende Element einer revolutionären Situation werden kann, bleibt jedoch der bemerkenswerteste Aspekt der Ereignisse in Ekuador. Eine ähnliche Entwicklung ist in Bezug auf die Indígena- und Cocalero-Bewegung in Bolivien zu beobachten.

Diese Prozesse stehen stellvertretend für das Wiedererstarken der sozialen Bewegungen in Lateinamerika. Angetrieben von der immanenten Polarisierungstendenz der kapitalistischen Entwicklung der vorangegangenen Jahre kehren sie auf die Bühne der Politik zurück und fordern Eliten, Staatsapparat und Gesellschaftssystem zunehmend heraus.

Der aus der Sicht der bürgerlichen Eliten glimpflich verlaufene Aufstandsversuch in Ekuador bedeutete jedoch keine explizite Niederlage der sozialen Bewegungen. Ihre Dynamik hielt in den Jahren 2000 und 2001 an. Streiks, Straßenblockaden, Gebäudebesetzungen fanden eine Fortsetzung. Erst nach einer gewissen wirtschaftlichen Erholung ließ die Heftigkeit der sozialen Kämpfe wieder nach. Diese wirtschaftliche Erholung ist auf steigende Erdölpreise, steigende Geldsendungen von Emigranten (die Emigration hatte im Zuge der Wirtschaftskrisen der 1990er Jahre stark zugenommen) und die fallende Inflation zurückzuführen.

Lucio Gutiérrez, jener Offizier, der sich dem Aufstand angeschlossen hatte, trat mit der von ihm begründeten "Patriotische Bewegung 21. Januar" im Herbst 2002 als Präsidentschaftskandidat an. Er setzte sich in der zweiten Runde im November 2002 gegen den Milliardär Álvaro Noboa durch.

Im Wahlkampf genoss er die Unterstützung der sozialen Bewegungen, allen voran der Indígena-Bewegung CONAIE. Auf ihn konzentrierten sich die Hoffnungen auf soziale Reformen und eine Abkehr von der Strukturanpassungspolitik. Der geringe ökonomische Spielraum für Reformen sowie die Vorgaben der internationalen Finanzinstitutionen ließen Gutiérrez jedoch die Erwartungshaltungen dämpfen. Gutiérrez betonte gegenüber den Finanzinstitutionen wiederholt, alle Verbindlichkeiten erfüllen zu wollen.

Gutiérrez gehört mit Luiz Inácio da Silva "Lula"in Brasilien und Hugo Chávez in Venezuela zu einer neuen Achse von Regierungschefs, die ihre politische Position der Unterstützung durch soziale Bewegungen verdanken. Der Druck dieser sozialen Bewegungen auf konsequente Reformen und die (macht-)politische Verpflichtung gegenüber diesen sozialen Bewegungen stürzen diese Regierungschefs angesichts der geringen nationalen und internationalen Spielräume in ein Dilemma. Die Umsetzung von Reformen im Sinne der unterprivilegierten Klassen könnte daher nur durch einen radikalen Bruch mit den inneren und äußeren Sachzwängen möglich sein. Welche internationalen und nationalen Widerstände eine auch nur annähernde Hinterfragung dieser Sachzwänge mit sich bringen kann, zeigt die Entwicklung in Venezuela.

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