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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002
 up 4.5.2 Ekuador: indigene Bewegungen und gesamtgesellschaftliche Revolte

4.5.2.3 Ekuador: von der Wirtschaftskrise zum Aufstandsversuch

Ab Beginn der 1990er Jahre stand Ekuador unter dem Zeichen der von den internationalen Finanzinstitutionen auferlegten Strukturanpassungsprogramme. Von besonderer Bedeutung für die Radikalisierung der politischen Entwicklung in Ekuador sowie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern war die Tatsache, dass diese Spar- und Umstrukturierungsprogramme von allen Kräften des traditionellen politischen Parteienspektrums umgesetzt wurden. Ob konservative, sozialdemokratische oder populistische Regierungen – alle politischen Kräfte führten diese Maßnahmen, meist bei offenem Bruch ihrer Wahlversprechen, fort. Die Abwesenheit jeglicher Alternative auf der elektoralen Ebene und das folgenlose Hin- und Herpendeln zwischen vorgeblich unterschiedlichen Regierungen, bereitete dem Auftreten radikal agierender sozialer Bewegungen den Boden.

Im Jahre 1996 wurde der exzentrische Neo-Populist Abdalá Bucaram zum Präsidenten gewählt. Er brach innerhalb kürzester Zeit alle seine Wahlversprechen und versuchte ein rigides Sparprogramm umzusetzen. Enorme Preiserhöhungen – Strom z. B. verteuerte sich um 500% – lösten im Januar 1997 eine Massenbewegung aus. Die Indígena-Bewegung Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (=CONAIE), die seit den 1990er Jahren immer mehr zum kämpferischen Hauptträger der sozialen Bewegungen geworden war, spielte auch bei dieser Mobilisierung die zentrale Rolle.

Im Februar 1997 wurde Bucaram wegen physischer und geistiger Unzulänglichkeit abgesetzt.

Die Präsidentschaft von Ismail Mahuad ab 1998 folgte einem ähnlichen Muster: Seinen populistischen Versprechen während des Wahlkampfes stand eine fortgesetzte Politik der Strukturanpassungen entgegen. Im Jahre 1999 schlitterte Ekuador in eine schwere Wirtschaftskrise: Die wirtschaftliche Schrumpfung hielt bei –7,3%; 62% der Bevölkerung waren unter die Armutsgrenze gesunken.

Die Regierung kündigte als Gegenmaßnahme die Dollarisierung der Wirtschaft an. Dies sollte die Wechselkurse stabilisieren und die hohe Inflation unter Kontrolle bringen. Die Einführung des Dollars als Währung sollte jedoch auch von weiteren drastischen Sparmaßnahmen begleitet werden.

Die Indígena-Bewegung CONAIE unter der Führung von Antonio Vargas und andere soziale Bewegungen kündigten daraufhin ab 15. Januar 2000 einen nationalen Aufstand an.

Damit hatte sich die radikale Mobilisierungstradition der CONAIE qualitativ erweitert; nun ging es nicht mehr um Protest oder Rücktritt eines Präsidenten, sondern um eine Insurrektion.

Das Ziel des Aufstandes: die Etablierung von so genannten Volksparlamenten auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Mit den Volksparlamenten gingen die sozialen Bewegungen unter Führung der CONAIE zum Aufbau von alternativen Machtstrukturen abseits der bestehenden Vertretungsinstitutionen über. Aus dem Aufstandsaufruf entstand in kurzer Zeit eine Doppelmacht-Situation zwischen konkurrierenden politischen Körperschaften – ein klassisches Kennzeichen einer revolutionären Situation.

Ab dem 15. Januar 2000 kam es zur Besetzung von Verwaltungs- und Regierungsgebäuden in allen Landesteilen sowie zu ausgedehnten Straßenblockaden durch Indígena-AktivistInnen. Auch die städtischen Gewerkschaften (v. a. in der Erdölindustrie) beteiligten sich am Generalstreik. Der Marsch auf Quito von Tausenden Indígenas führte am 21. Januar 2000 zur Besetzung von Parlament, Oberstem Gerichtshof und Regierungspalast in Quito.

Eine Gruppe von Offizieren unter Lucio Gutiérrez verweigerte den Schießbefehl gegen die Aufständischen und schloss sich ihnen an. Noch am 21. Januar erfolgte die Bildung einer "Junta zur nationalen Rettung". Ihr gehörten unter anderem Lucio Gutiérrez und Antonio Vargas von der CONAIE an.

Der Oberkommandierende der ekuadorianischen Armee General Carlos Mendoza reklamierte jedoch umgehend die Führung in der Junta. Nach einem Kurzbesuch in der US-Botschaft übergab er allerdings die Regierungsmacht an Vizepräsidenten Gustavo Noboa.

Damit konnten die sozialen Bewegungen keine tiefgreifende Veränderung der politischen und ökonomischen Strukturen erreichen – sie waren um ihren erfolgreichen Aufstandsversuch gebracht worden.

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