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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 1 Las Americas im Vergleich – das "lange" 19. Jahrhundert

1.3 Politische Entwicklung Lateinamerikas im 19. Jahrhundert

Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Kolonialgesellschaft Lateinamerikas zunehmend vom Widerspruch zwischen den in Spanien geborenen peninsulares und den in Lateinamerika geborenen criollos geprägt. In der Hierarchieleiter nachgeordnet entwickelten die criollos ein zunehmend eigenständiges Bewusstsein (patriotismo criollo). Begleitet wurde dies von ökonomischen Konflikten in Bezug auf das Handelsmonopol der spanischen Krone. Dieses war um 1750 bereits so weit unterlaufen, dass die Hälfte der für Spanien bestimmten Produkte die Metropole nicht erreichten und vorzugsweise in der Karibik (und damit auf dem freien Weltmarkt) verkauft wurden. Nutznießer dieses Schwarzhandels waren die criollos. Der Wunsch, sich der ökonomischen Beschränkungen zu entledigen, verband sich mit den politischen Ereignissen der Epoche. Einerseits blieb die nord-amerikanische Unabhängigkeitsrevolution nicht ohne Vorbildwirkung. Besonders wurden jedoch die Ereignisse der Französischen Revolution und ihre politisch-militärischen Nachwirkungen im spanischen Mutterland (Verfassung von Cádiz) spürbar.

Der bedeutendste Führer der Unabhängigkeitsrevolutionen Lateinamerikas, Simón Bolívar El Libertador (1783–1830), identifizierte sich in hohem Maße mit den Ideen und Verheißungen der Französischen Revolution. Seine programmatische Schlussfolgerung aus dem europäischen Vorbild – die Schaffung einer pan-amerikanischen Föderation – konnte zwar ein vereintes militärisches Vorgehen gegen die spanische Herrschaft in weiten Teilen Südamerikas bewirken. Eine nachhaltige Konföderation Lateinamerikas entstand – im Gegensatz zu Nordamerika – jedoch nicht. Auch das Vizekönigreich Neu-Spanien zerfiel 1822 in Mexiko und die Zentralamerikanische Föderation. Nicht zuletzt auf ideologischer Ebene war dem Panlatinismus ein regionaler kreolischer Patriotismus entgegengestanden. Dieser manifestierte sich z. B. in Mexiko im synkretistischen Kult um die schwarze Virgen de Guadalupe (Fray Servando Teresa de Mier).

Die politische Entwicklung Lateinamerikas von 1825 bis 1870 war gekennzeichnet von Grenzkriegen, Instabilität, der Vorherrschaft lokaler und regionaler Potentaten (Caudillos), der Schwäche des Zentralstaates und rasch wechselnder Diktaturen. In vielen Ländern bildete die Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen die Folie für die Konflikte.

Die Konservativen standen für eine monarchistische Staatsform ein, meist plädierten sie um der Legitimation willen für einen aus Europa stammenden Herrscher. Sie versuchten eine klerikale Bildungspolitik zu forcieren. Ökonomisch vertraten die Konservativen jene Interessen, die sich für ein protektionistisches Handelsregime und für eine Binnenorientierung der Ökonomie stark machten. Darüber hinaus formulierten sie staatsinterventionistische Vorschläge für die Nationalökonomie. Eine besondere Ausformung dieser Haltungen war die Diktatur des Gaspar Rodríguez de Francia in Paraguay (1811–1840), die wirtschaftspolitisch den Weg einer völligen Weltmarkt-Abkoppelung wählte.Insgesamt traten die Konservativen für nationalstaatliche Lösungen ein.

Die Liberalen hingegen vertraten ein republikanisches Gedankengut. Die bürgerlichen Freiheiten nach dem Gepräge der Französischen Revolution verteidigten sie genauso wie eine pan-latinistische Föderation. Die Bildungspolitik sollte aus den Händen der Kirche genommen werden. Sie traten für Freihandel und Weltmarktorientierung ein.

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