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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002
 up 4.5.1 Mexiko und der neo-zapatistische Aufstand

4.5.1.3 Die Herausbildung des Neo-Zapatismus

Das Auftauchen der neo-zapatistischen Guerilla markiert für manche Autoren den Beginn einer dritten Welle von Guerillabewegungen. Diese Sichtweise scheint nicht unbegründet: Das politische Auftreten und der ideologische Hintergrund der Neo-Zapatisten brach mit dem Schema bisheriger Guerilla-Gruppen.

Das Ejército Zapatista de Liberación Nacional (=EZLN) entstand aus zwei Traditionslinien:

1.) Regionale Kleinbauernbewegungen in Chiapas: Ein erster Zusammenschluss dieser regionalen Bewegungen fand beim Indígena-Kongress von 1974 statt. Dem radikalen, bewaffneten Kampf der Bauern in Chiapas ging ein jahrzehntelanger erfolgloser legaler Kampf voraus. Der lange Zeitzyklus der Radikalisierung und das beharrliche Austesten legistischer und gemäßigter Methoden der Interessensverteidigung kennzeichnen die Geschichte vieler Agrarbewegungen in Lateinamerika.

2.) Aus der Stadt kommende Guerilla-Gruppen: Diese entstanden in Mexiko erstmals nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung 1968 (Massaker von Tlatelolco). Sie folgten vorerst dem Fokus-Konzept Che Guevaras und blieben damit von den indianischen Bauern isoliert.

Ab Anfang der 1980er Jahre vollzog sich in Chiapas jedoch eine langsame Verschmelzung der beiden Traditionslinien. Die Guerilla verankerte sich im sozialen Umfeld der indianischen Gemeinschaften und veränderte ihre organisatorischen und ideologischen Prinzipien. Das entstehende EZLN ordnete sich dem konsensdemokratischen Prinzip der Dörfer unter. Damit vollzog die neo-zapatistische Guerilla den bisher konsequentesten Bruch mit dem Guerillakonzept Che Guevaras. Die militärischen Operationen wurden zu einem nachgeordneten Teil der politischen Entscheidungsfindung. Die Befehlsgewalt der militärischen Führung in konkreten Fragen beruht auf den Aufträgen der demokratischen Beschlüsse der Dorfgemeinschaften. Mandando obediciendo (gehorchendes Befehlen) nennen die Neo-Zapatisten dieses Konzept; die Vorstellung des gehorchenden Befehlens nimmt dabei sowohl auf die indianischen Traditionen Bezug als auch auf rätedemokratische Konzepte aus der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung.

Frauen spielen im neo-zapatistischen Befreiungsheer eine tragende Rolle. Das Engagement beim EZLN bedeutet für die Frauen einen Bruch mit den Traditionen und Normen der Indígena-Gemeinden.

In dieser Hinsicht ist die neo-zapatistische Erhebung kein reiner ethnischer Aufstand, der die jahrhundertelange Widerstandstradition der Indígenas ungebrochen fortsetzt. Der Zusammenschluss der Dörfer und ihr politisches Agieren über den lokalen Rahmen hinaus sind ein Produkt der Entwurzelung in der kapitalistischen Modernisierung, die Beteiligung von Frauen in der Guerilla Folge einer internen Emanzipationsdynamik in den Gemeinden.

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