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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert

4.5 Soziale Bewegungen in Lateinamerika: 1990–2002

Die 1990er Jahre in Lateinamerika sind aus der Sicht der sozialen Bewegungen ein Jahrzehnt der Defensive, der Schwäche und der Orientierungslosigkeit. Damit entsprach die Situation in Lateinamerika der globalen Defensive sozialer Bewegungen nach dem Zäsurjahr 1989. Der Kapitalismus als Weltsystem erlebte in den 1990er Jahren eine Phase beispielloser Hegemonie: Politisch, ökonomisch und ideologisch blieb er unangefochten. Die 1990er Jahre waren von einem weiteren ökonomischen Internationalisierungsschub (Globalisierung), der Rücknahme von sozialen Reformen und der Unterordnung aller Länder und Lebensbereiche unter die Mechanismen von Markt und Kapitalakkumulation geprägt.

In den 1990er Jahren setzt sich die in den 1980er Jahren sichtbar gewordene Partikularisierung und Zersplitterung sozialer Bewegungen fort. Der Typus der Neuen Sozialen Bewegung wird dominant. Regionale und dezentrale Bewegungen kämpfen um ihre jeweiligen Gruppeninteressen und halten sich vom Anspruch einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung fern. Diese Partikularisierung ist auf ein komplexes Bündel politischer, ökonomischer und ideologischer Faktoren zurückzuführen. Revolution, der Leitbegriff sozialer Bewegungen früherer Jahrzehnte wird durch neue Paradigmen ersetzt: dazu gehören die Forderung nach Autonomie im Handeln und Partizipation in der inneren Struktur der Bewegung. Die Abkehr von der Staatsfixierung bisheriger sozialer Bewegungen (teils als Wunsch nach Integration, teils als Wunsch nach revolutionärer Machtergreifung) lässt die sozialen Bewegungen als vom Staat unabhängige Akteure auftreten. Dabei kommt es zeitweise zu einer eigentümlichen Ergänzung mit den Vorstellungen der neoliberalen Eliten, die sich gleichfalls – wenn auch aus anderen Motiven – vom Staat abwenden. Diese beiden Vorstellungen kreuzen sich in Begriffen wie Konsens und Zivilgesellschaft.

Die ökonomischen und sozialen Folgen der neoliberalen Strukturanpassungen entziehen der Hoffnung auf eine vom Staat unabhängige Gesellschaftsintegration jedoch die Grundlage.

Das allgemeine Bild der Defensive wird am 1. Januar 1994 durch den neo-zapatistischen Aufstand des Ejército Zapatista de Liberación Nacional in Chiapas (=EZLN) in Chiapas (Mexiko) durchbrochen. Einerseits führt er die ungelösten sozialen Fragen in den lateinamerikanischen Gesellschaften vor Augen. Andererseits markieren die Neo-Zapatisten den Höhepunkt des in den 1980er Jahren entstandenen Selbstverständnisses der Neuen Sozialen Bewegungen: dem Staat abgewandt in ihrer Ausrichtung und autonomistisch in ihren Zielen lehnen sie historische Großprojekte wie Revolution, Sozialismus oder einen unabhängigen Staat ab. Die oft als postmoderne Guerilla bezeichneten Neo-Zapatisten bestimmen Mitte der 1990er Jahre mit ihren Konzepten die politischen Debatte unter den sozialen Bewegungen in Amerika und in Europa.

Ende der 1990er Jahre kommt es unter dem Eindruck von zunehmenden globalen Krisenerscheinungen (Globalisierungskrise) in vielen Ländern Lateinamerikas zu einer überraschenden Wende im Gefüge der sozialen Bewegungen und im politischen Kräfteverhältnis: Die "große Revolution" kehrt zurück. Darin spielen die sozialen Bewegungen die treibende Rolle in gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzungen, in denen die Masse der Unterprivilegierten das ökonomische und politische Gefüge des jeweiligen Landes zu hinterfragen beginnt.

In Ekuador verwandeln sich die Indígena-Bewegungen, die als partikulare soziale Bewegungen entstanden waren, in tragende Akteure einer kurzen revolutionären Situation.

In Venezuela führt die links-populistischen Regierung unter Hugo Chávez zu einer gesellschaftlichen Polarisierung, die Ähnlichkeiten mit der Entwicklung in Chile zwischen 1971 und 1973 aufweist. Auch hier bilden soziale Bewegungen die treibende Kraft.

In Argentinien folgt dem ökonomischen Zusammenbruch eine Volkserhebung, welche die Regierung stürzt und den herrschenden bürgerlichen Eliten nachhaltig die Legitimation entzieht.

Die kleinen Splitter der partikularen Neuen Sozialen Bewegungen haben sich in Lateinamerika Ende der 1990er Jahre wieder zu einem großen Spiegel zusammengefügt.

Um diese Zusammenfügung nachzuvollziehen, beleuchtet dieser Abschnitt folgende Beispiele:

 down 4.5.1 Mexiko und der neo-zapatistische Aufstand
 down 4.5.2 Ekuador: indigene Bewegungen und gesamtgesellschaftliche Revolte
 down 4.5.3 Hugo Chávez: vom Linkspopulismus zur offenen Konfrontation
 down 4.5.4 El Argentinazo 2001/2002
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