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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen

4.4.4 Die zweite Welle der Guerilla

Die Machtübernahme der Sandinisten in Nikaragua gilt als erster Höhepunkt einer zweiten Welle von Guerilla-Bewegungen in Lateinamerika. Sie erfasste vornehmlich Zentralamerika (Guatemala URNG, El Salvador FMLN), Peru (Sendero Luminoso sowie die MRTA) und Kolumbien (FARC und andere Gruppen).

Die Sandinistische Revolution fungierte in Zentralmerika als regionale Leitrevolution. Sie führte Anfang der 1980er Jahre zu einem Aufschwung sozialer Bewegungen. Der Kampf zwischen diesen Bewegungen und den Guerillagruppen auf der einen Seite sowie den zentralamerikanischen Regimen bzw. den USA auf der anderen Seite ließ einen der größten und blutigsten Regionalkonflikte der 1980er Jahre entstehen.

Die zweite Welle der Guerilla-Bewegungen ist uneinheitlicher und widersprüchlicher als die erste Welle in den 1960er Jahren. Während einige Gruppierungen am Fokus-Konzept Che Guevaras festhielten, veränderten die meisten Gruppen ihre Strategie und ihr Auftreten. Sie gingen dabei weit über den reinen foquismo hinaus. Der sozialen Verankerung auf dem Lande (Einbindung von Bauern, Frauen und Indigenen in die Reihen der Guerilla) und in der Stadt galt nun größeres Augenmerk. Bündnisse mit städtischen Bewegungen und die Bildung breiter und heterogener Befreiungsfronten unter Einschluss von christlichen Kräften, Gewerkschaften und kommunistischen Parteien erhielten einen zentralen Stellenwert. Ideologisch gingen die meisten dieser Guerillagruppierungen schrittweise vom Ziel einer sozial-revolutionären und kontinentalen Gesellschaftsveränderung ab. Die nationale Befreiung, ein links-nationalistischer Anti-Imperialismus und der Kampf für Demokratie traten in den Vordergrund.

Der Erfolg der nikaraguanischen Revolution hatte – wie jede Revolution – auch eine Revolutionierung der Konterrevolution zur Folge. Die Counterinsurgency-Strategie weitete sich zur Doktrin der low intensity warfare aus. Diese beinhaltete auch den offenen Terror-Krieg gegen Teile der Bevölkerung. Die meisten Opfer der Konflikte in Zentralamerika waren daher Zivilisten. Zudem gelang es, eine Spaltung der bürgerlichen Eliten, wie in Nikaragua, in den anderen Ländern zu verhindern.

Die low intensity warfare machte die politischere Ausrichtung der Guerillagruppen (d. h. die Orientierung auf soziale Bewegungen) indirekt zunichte: Sie zog die gesamte Gesellschaft in einen Strudel der Gewalt und ließ die politischen Beweggründe der Auseinandersetzung unkenntlich werden.

Die Sackgasse der Gewalt und die erwähnten ideologischen Veränderungen innerhalb der Guerillas (Abkehr vom sozial-revolutionären Ziel, Nationalismus statt Internationalismus) bereiteten ab Ende der 1980er Jahre den Boden für Friedensverhandlungen in Zentralamerika. Die Friedensverträge sahen die Beendigung der Kämpfe, die Legalisierung der Guerilla und ihre Einbindung in ein demokratisiertes politisches System vor. Darüber hinaus enthielten sie eine Amnestie sowohl für die Guerilleros als auch für Mitglieder des staatlichen Sicherheitsapparates. Soziale Reformen oder gar strukturelle Veränderungen im ökonomischen Bereich waren explizit nicht Teil der Friedensvereinbarungen.

Bis Ende 1996 waren alle Friedensverhandlungen in Zentralamerika zum Abschluss gekommen und die Guerilla-Bewegungen politisch integriert. Die krassen sozialen Gegensätze – der Ausgangspunkt des bewaffneten Kampfes – blieben bestehen, ja polarisierten sich zum Teil weiter. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Staat und Guerilla wichen in den zentralamerikanischen Gesellschaften einer allgemeinen diffusen Gewalt. Diese fordert in manchen Ländern jährlich mehr Opfer als die Kämpfe in den 1980er Jahren.

Im Zusammenhang mit der Reintegration der Guerillas kann man von der Herausbildung eines "bewaffneten Reformismus" sprechen. (Sterr, Albert: Guerillakampf und Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. In: Sterr, Albert (ed.) (1997): Die Linke in Lateinamerika. Analysen und Berichte. ISP/Rotpunktverlag: Köln/Zürich: 242). Die Guerilla verwandelt sich dabei von einem strategischen Instrument der sozialrevolutionären Gesellschaftsveränderung in ein taktisches Mittel, um Spielräume für Verhandlungen um die Demokratisierung des Regimes zu öffnen.

In Peru sowie vor allem in Kolumbien haben die Auseinandersetzungen zwischen Guerilla und Staat bis heute kein Ende gefunden. Der anhaltende Krieg in Kolumbien wird gegenwärtig zum Anlass- und Ausgangspunkt einer neuerlichen Militarisierung des lateinamerikanischen Kontinents. Mit dem Plan Colombia hat die militärische Präsenz der USA in Lateinamerika einen neuen Höhepunkt erreicht.

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