Die Entwicklung in Chile während der Unidad-Popular-Regierung (1970–1973) war einem ähnlichen Rhythmus wie jene Kubas nach 1959 gefolgt. Beide Regierungen kündigten radikale Reformvorhaben an und sahen sich einerseits mit dem stetigen Druck der sozialen Bewegungen nach weitergehenden Reformen konfrontiert. Andererseits standen sie dem entschlossenen Widerstand des jeweiligen Bürgertums und der USA gegenüber. Die daraus entstehende Polarisierung gipfelte in beiden Ländern in revolutionären Krisen bzw. Entscheidungssituationen, in denen nur ein Entweder-Oder übrig zu bleiben schien. Entweder würden die radikalen Kräfte mit dem institutionellen und ökonomischen Gefüge der bestehenden kapitalistischen Gesellschaft brechen; oder die von den besitzenden Eliten organisierten Gegner würden sich durchsetzen und damit alle Reformschritte zurücknehmen bzw. die organisatorischen Strukturen der sozialen Bewegungen zurückdrängen oder zerschlagen.
Welche Gründe können ins Treffen geführt werden, derentwegen die Entwicklung in Kuba und in Chile an diesem entscheidenden Punkt unterschiedlich verlief?
- Das alte politische System in Chile brach nicht zusammen. Im Gegensatz zu Kuba bestand kein machtpolitisches Vakuum.
- Der Staats- und Repressionsapparat blieb in Chile intakt, während in Kuba die Guerilleros um Fidel bereits im Januar 1959 die führenden Positionen des Sicherheitsapparates besetzten.
- In Chile fand keine Bewaffnung des Volkes statt, die Putschisten um Pinochet trafen kaum auf militärischen Widerstand. In Kuba entstanden bereits im Jahre 1960 bewaffnete Milizen.
- Die USA befanden sich in Chile von Beginn an auf Konfrontationskurs. In Kuba erstreckte sich die allmähliche außenpolitische Eskalation über zwei Jahre.
- Staatliche Eliten und Bourgeoisie agierten in Chile offensiv und hatten ab einem bestimmten Zeitpunkt das Gesetz des Handelns auf ihrer Seite. Sie vermochten angesichts der ökonomischen Krise wichtige Teile der Bevölkerung um sich zu scharen.
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