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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.2 Chile 1970–1973: Der dritte Weg zur Gesellschaftsveränderung

4.4.2.5 Konfrontation und Putsch

Bombardierung des Präsidentenpalastes

Ende 1971 machten sich wirtschaftliche Probleme in Chile bemerkbar: Das durch die Sozialreformen entstandene Budgetdefizit konnte nicht mehr über Auslandskredite finanziert werden. Die USA hatten den Zugang zu den internationalen Kreditorganisationen versperrt. Das Parlament verweigerte darüber hinaus die Billigung des weiteren Budgetplans. Allende musste die Druckerpresse anwerfen – bis zum Putsch kletterte die Inflation auf 300%. Der allgemeine Investitionsstopp verschlechterte die wirtschaftliche Situation genauso wie die Kooperationsverweigerung des höheren technischen und administrativen Personals in den neu verstaatlichten Unternehmen. Es kam zu ersten Versorgungsengpässen.

Der Konflikt zwischen Allende und dem bürgerlich dominierten Kongress weitete sich zu einer Pattstellung aus. Darüber hinaus blockierten die Justiz sowie Teile des Beamtenapparates die Maßnahmen Allendes.

Die allgemeine Massenmobilisierung dauerte an: Angesichts von Landbesetzungen und Fabriksübernahmen schwankte Allende weiterhin zwischen Gesetzesimplementierung und Gewähren-Lassen. Manchmal wurden die Maßnahmen der Bewegung nachträglich legalisiert, manchmal griff die Polizei gegen die Besetzer durch.

Darüber hinaus zeichnete sich eine Spaltung innerhalb der Unidad Popular sowie innerhalb der Partido Socialista (=PS) ab. In der PS verstärkte sich der Druck auf einen revolutionären Bruch mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Carlos Altamirano, Vertreter des linken Flügels, wurde Generalsekretär der PS. Der gesamtgesellschaftlichen Polarisierung entsprach die Polarisierung innerhalb der sozialen Bewegungen.

Das Schwanken Allendes zwischen legistisch-konstitutioneller Orientierung und revolutionärer Dynamik, die Verschlechterung der Wirtschaftslage und das Abwarten der Regierung ließen das Kräfteverhältnis und die gesellschaftliche Stimmung zunehmend kippen. Die bürgerlichen Kräfte gingen zur Offensive über. Die Mittelschichten, die ein Jahr zuvor Allende noch zum Teil unterstützt hatten, sammelten sich nun um die bürgerliche Opposition. Jene kleineren Teile der Unterschichten, die in den 1960er Jahren von der christdemokratischen Partido Democrático Cristiano (=PDC) organisiert worden waren, mobilisierten sich ebenfalls für die Opposition.

Im Oktober 1972 kam es zu einem dreiwöchigen Transportunternehmerstreik. Dieser wurde von der so genannten gremio-Bewegung getragen, welche aus mittleren Unternehmern, Kleinstunternehmern, Selbständigen, bäuerlichen Schichten und Arbeitern mit politischer Bindung an die PDC bestand. Politisch war die gremio-Bewegung jedoch fest in der Hand der Bourgeoisie. Kein geringer Teil des so genannten Streiks war auf Aussperrungen und Erpressungen zurückzuführen.

Allende reagierte auf diese Herausforderung mit einer Annäherung an das Militär. Drei Offiziere wurden in das Kabinett geholt. Die Parlamentswahlen im März 1973 spiegelten die Tatsache wider, dass sich Chile vollständig polarisiert hatte und dass die Initiative auf die Seite der Gegner übergegangen war. Allendes Unidad Popular erhielt 44% der Stimmen, auf die Opposition entfielen 55,7%.

Augusto Pinochet Ugarte

Ab dem 25. Juli 1973 kam es zu einem weiteren von der Bourgeoisie geführten und der gremio-Bewegung getragenen so genannten Generalstreik. Die Massenmobilisierungen und Streiks gegen diesen Unternehmerausstand führten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Wichtige Teile der Partido Socialista und der Gewerkschaftsbewegung forderten die Selbstbewaffnung der Bewegung. Allende zögerte trotz der offenen Putschvorbereitungen des Militärs. Am 11. September 1973 putschte die Armee unter Augusto Pinochet. Allende starb während des Putsches, über Chile und die sozialen Bewegungen fiel eine beispiellose Repressionswelle herein.

Die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet dauerte bis 1990 an. Sie steht stellvertretend für die 1970er Jahre, die als Jahrzehnt der Militärs bezeichnet werden können. Im Jahre 1976 waren nur vier Länder in Lateinamerika nicht von Diktaturen bzw. Militärdiktaturen regiert.

Augusto Pinochets Regime wurde zu einem Prototyp des lateinamerikanischen Staatsterrorismus in den 1970er Jahren: Verfolgung, Folter und das Verschwinden-Lassen von Tausenden (desaparecidos). Darüber hinaus verwandelte Pinochet Chile wirtschaftspolitisch in ein neoliberales Laboratorium. Trotz der damit einhergehenden sozialen Polarisierung – die Militärdiktatur erzwang soziale Stabilität.

Der Zerschlagung der sozialen Bewegungen folgte ein langsames Wieder-Erstarken in anderen Bereichen: Vor allem aus Selbsthilfegruppen entstandene Frauenorganisationen und Menschrechtsgruppen konnten sich während der Militärdiktatur etablieren.

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