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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 1 Las Americas im Vergleich – das "lange" 19. Jahrhundert
 up 1.2 Politische Entwicklung der USA im 19. Jahrhundert

1.2.1 Die Monroe-Doktrin

© Stefan Meisterle

Im Jahr 1823 wurde mit der Proklamation der Monroe Doktrin ein wesentlicher Eckpfeiler für die Lateinamerikapolitik der USA gesetzt. Im Rahmen seines siebenten jährlichen Berichts vor dem US-Kongress artikulierte der amerikanische Präsident James Monroe (1817–1825) am 2.12.1823 in seiner Rede zu auswärtigen Angelegenheiten die erste offizielle Herausforderung der europäischen Weltmächte durch die USA.

In einer Zeit schwer überschaubarer Machtkonstellationen, in der die spanischen Kolonien Lateinamerikas auf revolutionäre Weise für ihre Unabhängigkeit von Madrid kämpften, Großbritannien darauf wartete, das Erbe Spaniens anzutreten und die monarchischen Mächte Frankreich, Österreich, Preußen und Russland – vereinigt in der Heiligen Allianz – den jungen Staat der USA bedrohten, sprach Monroe die Warnung an Europa aus, von einer Rekolonialisierung Amerikas abzusehen. Er verkündete, dass die amerikanischen Kontinente, die sich ihre Freiheit und Unabhängigkeit selbst erkämpft hätten, nie mehr Ziel europäischer Expansionen werden dürften und jeder derartige Versuch als friedensgefährdende, sicherheitsbedrohende und damit als feindselige Handlung gegenüber Washington aufgefasst werden würde. So wie die USA in europäische Angelegenheiten nicht eingreifen würden, müsste sich auch Europa aus Amerika zurückziehen.

Diese Drohgebärde gegen Europa kam freilich nicht von ungefähr. Heute darf man davon ausgehen, dass die beiden Urheber der Doktrin, der Staatssekretär John Quincy Adams und James Monroe aus zwei Primärinteressen heraus agierten. Zunächst musste der Anspruch Russlands auf den Nordwesten Nordamerikas zurückgedrängt werden und zweitens bestand die Sorge, Großbritannien könnte mit der Heiligen Allianz zusammenarbeiten und nach einer erfolgreichen Rückeroberung Spanisch-Amerikas die USA überfallen.

Nachdem sich der amerikanische Präsident die Unterstützung des Kongresses gesichert hatte, wurde eine Kampagne gestartet, die auf vielfältige Weise die Politik Monroes unterstützen sollte. Die propagandistische Vermittlung der Monroe-Doktrin war dabei keineswegs deren einzige Komponente. Während ein reger diplomatischer Schriftverkehr mit Großbritannien, Russland und Chile geführt wurde, traf man Maßnahmen, die der exakten Einschätzung der Rezeption der Doktrin in Europa und Amerika dienen sollten, um gegebenenfalls Modifikationen oder Bekräftigungen der eingeleiteten Strategie rasch vollziehen zu können.

Es erwies sich schnell, dass zumindest der Großteil des amerikanischen Volkes Monroes Vorgehensweise begrüßte, wenngleich sich auch hier bereits Stimmen erhoben, die Monroe eine imperialistische und daher abzulehnende Politik attestierten.

In Europa war die Rezeption nicht minder ambivalent. Während die offiziellen Stellen in Russland, Österreich und Frankreich von einem verachtungswürdigen und gefährlichen Akt sprachen, reagierte die oppositionelle Presse in Paris enthusiastisch und lobte Monroes Rede. Das Ausbleiben jeglicher direkter politischer Machtdemonstrationen aus Europa bewirkte, dass Monroes Herausforderung der Alten Welt eine neue Ära in der Geschichte Lateinamerikas einläuten konnte.

In diesem Kontext ist heute evident, dass die Doktrin langfristig nicht auf die Befreiung Lateinamerikas, sondern vielmehr auf den Ausschluss Europas vom amerikanischen Doppelkontinent abzielte. Die proklamierte Solidarisierung Washingtons mit den jungen revolutionären Staaten Lateinamerikas repräsentierte zwar ein panamerikanisches Modell, dieses war jedoch unmissverständlich von einer übergeordneten Rolle der USA geprägt. Symptomatisch für das amerikanische Selbstverständnis in Bezug auf die hegemoniale Stellung auf dem Kontinent war die bereits in den 1780er Jahren ausgesprochene Ankündigung des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, dass die USA schließlich die Reste des einstmals großen spanischen Reiches Stück für Stück übernehmen würden.

Die Monroe-Doktrin kam nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent massiv zum Tragen, sondern beeinflusste die gesamte Geopolitik. Einerseits legitimierte sie die USA, die sich damit erstmals als aufstrebende Weltmacht ankündigen konnten, aktiv in die internationale Machtpolitik einzugreifen, andererseits hatte die Proklamation enorme Auswirkungen auf Lateinamerika. Die nachfolgenden Präsidenten der USA nutzten die Monroe-Doktrin als Legitimation wie auch immer gearteter amerikanischer Einflussnahme in der Region und verwiesen auf die Rolle Washingtons als Protektor und Demokratisierungsmotor Lateinamerikas.

Dass die hegemonialen Bestrebungen der USA auf dem lateinamerikanischen Subkontinent mit der Monroe-Doktrin ihren Anfang nahmen, darf bezweifelt werden, dass sie jedoch mit diesem Ereignis zementiert wurden, ist kaum anfechtbar. Bis heute bildet Monroes siebenter jährlicher Bericht an den Kongress das Fundament der amerikanischen Lateinamerikapolitik.

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