Logo
Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste
 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen
 up 4.4.2 Chile 1970–1973: Der dritte Weg zur Gesellschaftsveränderung

4.4.2.2 Das verstärkte Auftreten sozialer Bewegungen und die Regierung Frei

Ende der 1950er Jahre traten die bisher ausgeschlossenen Gruppen der Landarbeiter, Kleinbauern und der städtischen Armen zunehmend politisch auf. Unter dem Einfluss der Kubanischen Revolution kam es bei diesen Schichten sowie beim städtischen Proletariat zu einer weiteren Radikalisierung.

Zwei politische Gruppen forcieren die Organisierung der Armen: linke Parteien und eine neue politische Formation – die Partido Democrático Cristiano (=PDC). Christdemokratische Parteien verfügten in Lateinamerika über keine Tradition. Im Kern stellten die europäischen Vorbilder den Versuch dar, klassenübergreifende Organisationen aufzubauen, die von katholischen Grundwerten zusammengehalten wurden und der bürgerlichen Elite des jeweiligen Landes eine umfassende soziale Basis verschafften. Zur Counterinsurgency-Strategie der USA gehörte auch die Förderung derartiger politischer Projekte. Sie sollten unterprivilegierte Gruppen organisieren und durch Reformen an das bestehende Gesellschaftssystem binden. Das 1965 in Santiago de Chile durchgeführte US-amerikanische sozialwissenschaftliche Untersuchungsprojekt Camelot versuchte die Möglichkeiten einer solchen Organisierung und Bindung der Armen auszuloten.

Eduardo Frei Montalva, der 1964 bis 1970 die Präsidentschaft in Chile inne hatte, stand stellvertretend für diese Bemühungen der Einbindung der unterprivilegierten Schichten unter christdemokratischer Prämisse. Er rief eine revolución en libertad aus. Alleine diese Begriffswahl deutet auf die radikalisierte Stimmung im Chile der 1960er Jahre hin – nach der Kubanischen Revolution schien der Begriff Revolution Voraussetzung für politische Massenwirksamkeit geworden zu sein. Das Programm von Frei sah eine Landreform, die Teilverstaatlichung der Kupferindustrie, Investitionen in Bildung und Wohnen sowie die promoción popular vor: Letztere zielte auf die organisatorische Einbindung von LandarbeiterInnen, Kleinbauern und KleinbäuerInnen, SlumbewohnerInnen und Hausfrauen ab. Die promoción popular verfolgte ein dezentrales, selbsthilfeorientiertes Konzept.

Damit wies sein Programm in den konkreten Forderungen in die gleiche Richtung wie jenes seines Gegenkandidaten bei den Präsidentschaftswahlen 1964, Salvador Allende. Hinter dieser Konstellation stand ein allgemeiner gesellschaftlicher Linksruck, wie der Historiker Thomas Wright schreibt:

"The 1964 presidential elections offered voters only two viable options: change or more change." (Wright, Thomas C. (1991): Latin America in the Era of the Cuban Revolution. Praeger: New York/ Westport/ London: 138)

Salvador Allende forderte wesentlich weitergehende Verstaatlichungen als Frei, die teilweise Einführung einer verstaatlichten Landwirtschaft, erhöhte Steuern für Reiche, die Stärkung der Gewerkschaften und den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsordnung.

Eduardo Frei genoss für seine Reformvorhaben, die sich durchaus mit den binnenorientierten Vorschlägen der Comisión Econónmica para América Latina (=CEPAL) deckten, die Unterstützung der USA. Die Verhinderung von Allende bzw. einer sozialen Revolution hatte einen Reformspielraum geöffnet, der z. B. Jacobo Árbenz in Guatemala 1954 versagt geblieben war.

Eduardo Frei gewann die Präsidentschaftswahlen 1964, setzte jedoch nur einen Teil seines Programms um. Damit vermochte er den Ansprüchen der mobilisierten unterprivilegierten sozialen Klassen nicht nachzukommen. Diese Klassen nutzten zudem die von Frei geschaffenen Organisationen, um ihren Druck zu verstärken und sich zu organisieren. Unter der Regierung Frei kam es daher nicht zu einer Kanalisierung und Bindung des Potenzials sozialer Bewegungen, sondern zu einer weiteren gesellschaftlichen Polarisierung. Dies spiegelte sich auch in einer neu formierten politischen Rechten in Form der Partido Nacional (=PN) wider.

Damit traten zur Präsidentschaftswahl 1970 drei Kandidaten an:

  • Jorge Allesandri für die Partido Nacional (=PN)
  • Radomiro Tomic für die Partido Democrático Cristiano (=PDC)
  • Salvador Allende für die Unidad Popular (=UP)
Allende gewann die Wahlen mit 35,6% der Stimmen. Die Unidad Popularsetzte sich aus sechs Parteien zusammen: der kommunistischen Partei, der Partido Socialista, der Partido Radical, dem Movimiento de Acción Popular Unitario (=MAPU; eine Linksabspaltung der christdemokratischen PDC) sowie zweier Kleinstparteien (Partido Social Democrático, Acción Popular Independiente). Die Unidad Popular war somit ein extrem heterogenes Bündnis – nur die kommunistische und die sozialistische Partei waren einer marxistischen Tradition verbunden.

Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"