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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen

4.4.1 Erste Welle der Guerilla 1960–1975

Bereits vor der Kubanischen Revolution hatte es Guerillakämpfe auf dem lateinamerikanischen Kontinent gegeben. Emiliano Zapata und Pancho Villa griffen in Mexiko auf diese Kampfform zurück, genauso wie Augusto C. Sandino in Nikaragua.

Die erste große Welle von Guerillabildungen in Lateinamerika dauerte von 1960 bis 1975 und orientierte sich am Vorbild Kuba. Die Wahrnehmung der Rolle der Guerilla in der Kubanischen Revolution kann jedoch als folgenschwere Fehlinterpretation der kubanischen Entwicklung betrachtet werden. In diesem Sinne lässt sich vom Mythos Guerilla sprechen. Die Theoretisierung des Guerilla-Konzepts mit der Fokus-Theorie (Che Guevara, Régis Debray) beherrschte jedoch die Debatte radikaler Aktivisten und Aktivistinnen.

Das Guerilla-Konzept verfügte auch deshalb über eine so hohe Anziehungskraft, weil es eine Alternative zum Gradualismus und Reformismus der etablierten Arbeiterbewegung sowie der kommunistischen Gruppierungen zu sein schien.

Für die Guerilla-Gruppen hatte der bewaffnete Kampf und das Ringen um die Staatsmacht Vorrang vor allen anderen Aktivitäten. Daher blieben sie von den weiteren sozialen Bewegungen, vor allem jenen mit einer politisch organisierten Massenbasis, weitgehend isoliert. Die von den USA zusammen mit den Militärführungen ausgearbeitete Antwort auf diese Herausforderung firmierte unter dem Begriff Counterinsurgency– eine Mischung aus Reformmaßnahmen gegenüber der potenziellen Anhängerschaft der Guerilla und offener Repression. Darüber hinaus trafen die kontinentalen Guerillagruppen – im Gegensatz zu Kuba – auf einen keinesfalls in sich bereits morschen Staatsapparat.

Entgegen der deklarierten Orientierung auf die arme Bauernschaft, blieben die meisten Guerillas von Studenten und Mitgliedern der städtischen Mittelschicht getragen. Eine Ausnahme bildeten die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (=FARC) in Kolumbien, die ihren Ursprung in bäuerlichen Selbstverteidigungsgruppen hatten. Diese waren während des zehnjährigen Bürgerkrieges (violencia 1947–1957) entstanden. Auch in Mexiko bildeten sich Ende der 1960er Jahre im Bundesstaat Guerrero Guerillagruppen mit einer beträchtlichen bäuerlichen Verankerung heraus.

Die Guerillagruppierungen der ersten Welle vermochten ihre Isolation von den restlichen sozialen Bewegungen nicht kritisch zu reflektieren; sie grenzten sich im Gegenteil scharf von allen anderen sozialen Bewegungen ab. Ihre soziale Verankerung muss daher als gering bezeichnet werden. Stellvertretend dafür steht der "einsame Tod" Che Guevaras 1967 in Bolivien.

Etablierungsversuche der Guerilla gab es in Bolivien, Guatemala, Kolumbien, Peru und Venezuela. Für alle galt das Kennzeichen der Isolation, alle endeten in einer militärischen Niederlage. Kolumbien und Mexiko bildeten wie gesagt eine Ausnahme.

Ende der 1960er entstand die Sondervariante Stadtguerilla. Sie wendete sich vom Primat des Landes über die Stadt ab, wie es in der Fokus-Theorie Che Guevaras postuliert worden war, und verlagerte den bewaffneten Kampf in die urbanen Zentren. Stadtguerillas bildeten sich in Argentinien (PRT-ERP), in Chile (MIR), in Uruguay (ELN-Tupamaros) und in Kolumbien (M19). Sie zogen aus den Niederlagen der ersten ländlichen Guerillas Konsequenzen und legten ein stärkeres Augenmerk auf legale Arbeit und politische Bündnisse. Ihre bewaffneten Aktionen (Sabotage und Attentate auf Exponenten des Regimes) verknüpften sie mit Elementen eines sozialen Banditentums (Lebensmittelverteilungen, Entführungen etc.).

Die 1970er Jahre gelten als Jahrzehnt der Militärdiktaturen in Lateinamerika. Diese zwangen dem Kontinent eine soziale Friedhofsruhe auf. Der Zusammenhang zwischen Guerilla und Etablierung von Militärdiktaturen ist umstritten. Wenn auch die Militärdiktaturen im allgemeinen Sinn als Antwort auf die Herausforderung durch soziale Bewegungen, als anti-revolutionäre Militärregime, gesehen werden müssen, so scheinen die Guerillagruppen selbst oft nur der Vorwand zu sein: "Den Militärs boten die bewaffneten Aktionen, die nicht mehr als Nadelstiche waren, den willkommenen Anlass, um sich an die Macht zu putschen."

(Sterr, Albert: Guerillakampf und Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. In: Sterr, Albert (ed.) (1997): Die Linke in Lateinamerika. Analysen und Berichte. ISP/ Rotpunktverlag: Köln/ Zürich: 238)

Die Militärdiktaturen führten zu einer beispiellosen Welle staatlichen Terrors gegen alle sozialen Bewegungen. Damit wurden sie bis heute spürbar geschwächt.

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