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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert

4.4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika 1980–1985: Chile – Nikaragua – Neue Soziale Bewegungen

Aus der Sicht der sozialen Bewegungen ist die Geschichte des lateinamerikanischen Kontinents zwischen 1960 und 1985 eine Epoche der Extreme. Phasen der Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen wechselten sich mit Perioden schmerzlichster Rückschläge und Niederlagen ab. Diese wurden abermals von neuen Chancen und dem Wieder-Erstarken sozialer Bewegungen abgelöst.

In den 1960er Jahren stand die gesellschaftliche Situation Lateinamerikas direkt oder indirekt unter dem Einfluss der Kubanischen Revolution. Sie fungierte für Gegner und Anhänger als Leitrevolution. In vielen Ländern Lateinamerikas veränderte sie das Kräfteverhältnis zugunsten sozialer Bewegungen und bewirkte eine nachhaltige Radikalisierung des politischen Diskurses. In diesem Sinne kann man von einer "Ära der Kubanischen Revolution" sprechen.

Nach dem Scheitern der ersten Welle von Guerilla-Bewegungen, die mit dem Fokus-Konzept den kubanischen Erfolg zu wiederholen trachteten, bildete der Chilenische Weg den neuen Hoffnungspunkt der lateinamerikanischen Linken. Salvador Allende (1908–1973) versprach eine gesellschaftliche Transformation auf parlamentarischem und friedlichem Wege. Nach der Machtübernahme der Militärs in Chile im Jahre 1973 erwies sich auch dieser Versuch als gescheitert.

Der Beginn der Militärdiktatur in Chile markierte aus der Sicht der sozialen Bewegungen eine historische Zäsur. Bereits ab Ende der 1960er Jahre hatten sich in manchen Ländern Militärdiktaturen etabliert. Mit Chile begann das Jahrzehnt der Militärs, welche durch offenen Staatsterrorismus die sozialen Bewegungen nachhaltig schwächten und eine ganze Generation von Aktivisten buchstäblich liquidierten. Das Kräfteverhältnis hatte sich neuerlich völlig gewandelt.

Die Sandinistische Revolution in Nikaragua 1979 verkörperte einen neuen Hoffnungs- und Referenzpunkt. In ihrem Gefolge entstand eine zweite Welle wesentlich breiterer Guerilla-Bewegungen in Zentralamerika. Die nikaraguanische Revolution zeigte darüber hinaus, dass neben den traditionellen Akteuren in den sozialen Bewegungen auch andere Bewegungen eine wichtige Rolle in Lateinamerika spielten: Das galt sowohl für christliche Basisbewegungen als auch für Genossenschafts-, Frauen- und Indígena-Bewegungen.

Die Defensive und schließlich das Ende des sandinistischen Experiments sowie die Durchsetzung neoliberaler Spar- und Strukturanpassungsprogramme waren die Rahmenbedingungen für die sozialen Bewegungen in den 1980er Jahren. Aus dieser Konstellation ergab sich einerseits eine allgemeine Umstrukturierung und Defensivposition großer politisch-sozialer Formationen (traditionelle Parteien und Gewerkschaften). Andererseits entwickelte sich eine Vielzahl neuer Akteure, die dem Bilde der Neuen Sozialen Bewegungen entsprachen: Partikularer in Bezug auf ihre soziale Basis und ihre Zielsetzung, ohne Avantgardeanspruch und gesellschafts-transformierender Zielsetzung, weniger an der staatlichen Macht als an Selbstorganisation orientiert. Manche von ihnen waren während der Militärdiktaturen entstanden (Frauen- und Menschenrechtsorganisationen), manche spiegelten ein neues ethno-politisches Bewusstsein der indigenen Bevölkerung wider, andere verkörperten einen neuen Typ nicht korporativistischer Gewerkschaften (z. B. in Brasilien), viele stellten die konkrete Selbsthilfe ins Zentrum (Genossenschaften, NGO s), wiederum andere kämpften schließlich für neue Anliegen (Umweltschutz). Neue ideologische Konzepte begleiteten diese Partikularisierung.

Insgesamt (und mit der Partikularisierung zusammenhängend) schien das Bild sozialer Bewegungen in den 1980er Jahren uneinheitlicher, widersprüchlicher und vielfältiger zu werden.

Um diese verschiedenen Phasen, Aufschwünge, Niederlagen und Neu-Gruppierungen ins Auge zu fassen, behandelt dieser Abschnitt folgende Fragen:

 down 4.4.1 Erste Welle der Guerilla 1960–1975
 down 4.4.2 Chile 1970–1973: Der dritte Weg zur Gesellschaftsveränderung
 down 4.4.3 Die Sandinistische Revolution in Nikaragua
 down 4.4.4 Die zweite Welle der Guerilla
 down 4.4.5 Neue Soziale Bewegungen
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