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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.3 Die Kubanische Revolution 1959
 up 4.3.7 Mythos Guerilla – Che Guevara und die Fokus-Theorie

4.3.7.1 Die internationale Wirkung der Fokus-Theorie

In den frühen 1960er Jahren traf die Forderung nach einer sozialistischen Revolution und die kubanische Guerilla-Methode auf ein enormes Echo in ganz Lateinamerika. Dies galt vor allem für junge Aktivisten und Aktivistinnen. Die Kubanische Revolution radikalisierte den politischen Diskurs nachhaltig. Durch ihre unbezweifelbaren Erfolge im sozialen Bereich genoss sie bei Millionen von Menschen ein hohes Prestige. Die Hinwendung zum Guerilla-Konzept Che Guevaras mag unter anderem auf die vorgebliche Leichtigkeit zurückzuführen sein, mit welcher hier eine gesellschaftliche Veränderung erreichbar zu werden schien. Wie der Historiker Thomas Wright schreibt: "It [the Cuban Revolution] provided an explicit blueprint for successful insurrection by reducing the overthrow of governments to a simple matter of faithfully following Che Guevara s handbook on Guerrilla warfare." (Wright, Thomas C. (1991): Latin America in the Era of the Cuban Revolution. Praeger: New York/ Westport/ London: XII)

Der Erfolg von revolutionärer Perspektive und Guerilla-Methode spiegelte auch die Enttäuschung über die reformistische Haltung aller Gewerkschaften und Arbeiterparteien (vor allem der Kommunisten) und ihre Zusammenarbeit mit den nationalen Eliten wider.

In den 1960er Jahren kam es zu einer ersten Welle von Guerillagründungen nach dem Fokus-Konzept. Das auf einer Reihe von Verzerrungen beruhende Konzept Che Guevaras führte jedoch bald zu fatalen Niederlagen und zum Ausbluten einer ganzen Generation von Aktivisten.

Für den Versuch, den revolutionären Weg sowie die Methode des Guerilla-Kampfes auf ganz Lateinamerika auszuweiten, stehen folgende Initiativen des kubanischen Regimes:

  • 1962 Zweite Deklaration von Havanna
  • 1966 Trikontinentaler Kongress in Havanna
  • 1967 die Gründung der Organización Latino-Americana de la Solidaridad (=OLAS)
Diese Erklärungen, Kongresse und Organisationsgründungen sollten die revolutionären Befreiungsbewegungen in Lateinamerika unterstützen. Mit dem Scheitern der ersten Welle von Guerilla-Bewegungen und der zunehmenden ökonomischen Anbindung Kubas an die Sowjetunion (1972 Beitritt Kubas zum Council for Mutual Economic Assistance [=COMECON]) ging die kubanische Führung von ihrem ursprünglichen Ziel, die Revolution nach ganz Lateinamerika zu tragen, schrittweise ab.

Das persönliche Scheitern Che Guevaras in Bolivien 1967 markiert auch das Scheitern der Fokustheorie im engeren Sinne. Die Guerilla als Instrument sowohl zur Selbstverteidigung als auch zur Gesellschaftsveränderung blieb jedoch eine wichtige Dimension der sozialen Bewegungen Lateinamerikas – das illustriert die zweite Welle von Guerillabewegungen in den 1980er Jahren. Bis heute stellt die Guerilla einen Faktor in Lateinamerika dar (z. B. der anhaltende Konflikt in Kolumbien und der Kampf der Neo-Zapatisten in Mexiko).

Die Kubanische Revolution und die Fokustheorie Che Guevaras führten auch zu einer Revolutionierung der Konterrevolution. Der Sieg einer kleinen Gruppe von bewaffneten Männern sollte in Zukunft mit allen Mitteln verhindert werden. Maßnahmen wie die Counterinsurgency-Strategieoder die Civic-Action-Programme stellen eine direkte Antwort auf diese Herausforderung dar. Die damit einhergehende materielle und geistige Aufrüstung der Armeen in Lateinamerika bereitete in vielen Ländern die Etablierung einer Militärdiktatur vor. Die Militärs rechtfertigten ihre Machtübernahme meist mit Hinweis auf die (vermeintliche) Bedrohung durch Kuba und Guerillaarmeen.

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