Logo
Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste
 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.3 Die Kubanische Revolution 1959
 up 4.3.5 Kuba 1959–1961: Polarisierung und Gesellschaftstransformation

4.3.5.3 Das dynamische Moment und seine Bändigung – soziale Bewegungen in der Kubanischen Revolution

Die sozialen Bewegungen verkörperten das dynamische Moment in der Eskalation der Entwicklung nach 1959. Fidel Castro genoss massive Unterstützung in der Bevölkerung. 1960 unterstützten nach einer Umfrage 86% der Bevölkerung die Regierung, 43% bezeichneten sich gar als "glühende Anhänger". Nichtsdestoweniger verfügten die Revolutionäre über keinen Zugriff auf die spontanen Bewegungen. Die Guerilla unter Castro hatte immer an den bestehenden Organisationen der Arbeiterbewegung vorbeiagiert. Nach der Machtübernahme verlangte die organisatorische Schwäche und die Heterogenität der Rebellenbewegung nach einer Institutionalisierung, die es erlauben würde, die spontanen Bewegungen zu integrieren. Das Genie Fidel Castros lag in der Zusammenführung der sozialen Bewegungen und der neuen Revolutionselite.

Der erste Schritt der Institutionenbildung bestand in einer Annäherung und der späteren Vereinigung mit der Partido Socialista Popular (=PSP), der kommunistischen Partei. Diese Annäherung kam umso überraschender, als die Kommunisten der Guerilla Castros immer mit scharfer Kritik begegnet waren ("Abenteurertum") und einer sozialistischen Umwälzung in Kuba schon in den 1930er Jahren abgeschworen hatten. Die PSP bot der Guerillero-Elite um Castro jedoch wichtige Möglichkeiten:

"The PSP offered ideological sophistication, a highly centralized organisation, and a historic although currently weak hold on major blocs of the labor movement. [...] Fidel turned to the communists to tutor his inner circle, to add structure to his huge but amorphous popular following [...]." (Wright, Thomas C. (1991): Latin America in the Era of the Cuban Revolution. Praeger: New York/ Westport/ London: 24)

Die Vereinigung mit der PSP erfolgte von oben: Alle wichtigen Positionen wurden von VertreterInnen der Rebellenbewegung besetzt.

Der wichtigste Schritt zur Stabilisierung der neuen Ordnung war jedoch die Kontrolle über die Gewerkschaften. Das Castro-Regime brauchte eine verlässliche soziale Basis, trachtete jedoch gleichzeitig danach, deren Autonomie einzuschränken. Die Abläufe um den Kongress des kubanischen Gewerkschaftsverbandes im Jahre 1959 spiegeln diesen Prozess wider: Die Radikalisierung der Arbeiterschaft gegen die diskreditierte kommunistische Gewerkschaftsführung prägte den Kongress. Castro setzte jedoch die (Zwangs-)Einheit der Organisation (inklusive der eigentlich abgewählten Gewerkschaftsfunktionäre) mit allen Mitteln durch. Damit war die institutionelle Kontinuität gesichert und die politische Ausdifferenzierung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung gestoppt.

Weitere Maßnahmen, um die soziale Basis des Regimes zu stärken und gleichzeitig die Massenbewegung berechen- und kontrollierbar zu machen, waren: Gründung von Milizen (Herbst 1959) sowie der Aufbau von Komitees zur Verteidigung der Revolution (Comités de Defensa de la Revolución [=CDR]) ab 1961. Diese Komitees wurden entlang der Stadtviertel aufgebaut und sollten bei einem Invasionsversuch die Bevölkerung mobilisieren. Sie entwickelten sich schnell zu einem Instrument der politischen Integration aller BewohnerInnen Kubas. Sie ermöglichten den BewohnerInnen einerseits die Umsetzung einer Reihe infrastruktureller Verbesserungen in ihrer Wohngegend, etablierten andererseits auch ein engmaschiges Kontrollsystem des Regimes über die Bevölkerung.

Das Castro-Regime folgte in den 1960er Jahren den Leitbegriffen Mobilisierung – Bürokratisierung – Institutionalisierung. Trotz dieser institutionellen Stabilisierungsversuche war die im Jahre 1959 entstandene Dynamik sozialer Mobilisierung in den 1960er Jahre noch lange nicht verebbt.

Die Gewerkschaften befanden sich weiterhin in der Zwickmühle: Sie verspürten einerseits den Druck des Regimes, als Transmissionsriemen der staatlichen Wirtschaftspolitik zu fungieren, sahen sich andererseits mit dem vielfältigen Druck von unten konfrontiert. Obwohl die Autonomie sozialer Bewegungen gebrochen war und obwohl die demokratische Partizipation der Bevölkerung besonders in ökonomischen Belangen äußerst gering blieb, konnten bis Mitte der 1970er Jahre die Ansprüche sozialer Bewegungen nicht völlig unter Kontrolle gebracht werden. Es bestand ein prekäres Gleichgewicht zwischen der Revolutionselite und der Bevölkerung. Diese Lücke in der institutionellen Kontrolle konnte nur gefüllt werden durch:

  • die allgemein hohe Unterstützung für das Regime
  • die persönliche Rolle Fidel Castros, der im Zentrum der populistischen und demagogischen Mechanismen der Mobilisierung stand

Erst Mitte der 1970er Jahre hatte sich das Regime so weit stabilisiert, dass es dem Bild der anderen Ostblockstaaten entsprach: die Herrschaft einer bürokratischen Kaste auf der Grundlage einer vergesellschafteten Ökonomie.
Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"