Entstehung und Entwicklung der beiden Amerikas können historisch nur in den vielfältigen Wechselwirkungen der beiden Sub-Kontinente aufeinander verstanden werden. Die Wechselwirkungen betreffen alle gesellschaftlichen Ebenen: die ökonomische, politische, sozial-strukturelle, kulturelle und symbolische.
Der Vergleich zwischen den Amerikas setzt allerdings auch eine begriffliche Abgrenzung dessen voraus, was verglichen werden will.
Eine solche Abgrenzung fängt bei einer Begriffsdefinition an. Was ist Lateinamerika? Das Gebiet zwischen Río Grande und Feuerland sowie die Karibik wird die Antwort aus geographischer Sicht lauten. Das Gebiet umfasste bis 1848 jedoch noch einen wesentlich größeren Raum, den heutigen Süd-Westen der USA.
Auch begrifflich-ideologisch hat die Antwort auf diese Frage – was ist Lateinamerika? – eine Geschichte, die einiges über die Wechselwirkungen zwischen den beiden Amerikas verrät.
Der Begriff Lateinamerika kam erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Zuvor war meist von Iberoamerika, Hispanoamerika oder dem lusitanischen Amerika die Rede. Torres Caicedo formulierte den Begriff 1856 zum ersten Mal. Er gehörte zu den typischen Vertretern einer in Europa weilenden, aufgeklärten Exilantenelite. Damit weist die Begriffsbildung einen ideellen Bezug zu den damals erstarkenden Pan-Bewegungen (Panslawismus etc.) auf. América Latina frente a la América Saxona (Lateiamerika gegen das angel-sächsische Amerika), so präzisierte Torres Caicedo seinen Lateinamerikabegriff – damit war von Beginn an ein emanzipatorischer Anspruch in Bezug auf Nordamerika angelegt.
Die Karibik hat dabei nicht nur begrifflich einen Sonderstatus. In ihr bündelten sich und konkurrierten die unterschiedlichen Kolonialansprüche europäischer Mächte (Spanien, Frankreich, Großbritannien), hier wurden die ökonomischen Strukturen systematisch den Bedürfnissen der merkantil-kapitalistischen Wirtschaftsinteressen der Mutterländer angebunden. Das Nebeneinander verschiedenster Bewirtschaftungs- und Ausbeutungsformen machte die Karibik zu einem Experimentierfeld für die spätere Entwicklung auf dem lateinamerikanischen Kontinent: Plantagenökonomie, Sklavenwirtschaft, Kolonialhandel und Siedlerstrukturen – oft spricht man von der Brückenkopf-Funktion der Karibik zwischen Nord- und Lateinamerika.
So sollte genau genommen von den drei Amerikas die Rede sein: Nordamerika, Lateinamerika und die Karibik
Kategorien eines historischen Vergleichs zwischen den Amerikas:
"Entwicklung ist eine Reise mit mehr Schiffbrüchigen als Seefahrern." (Galeano, Eduardo (1992, 15. Auflage): Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents von der Entdeckung bis zur Gegenwart. Peter Hammer Verlag: Wuppertal: 269)
Die von Eduardo Galeano angesprochene Entwicklungs-Reise der beiden Amerikas verlief über weite Strecken unterschiedlich. Aktuelle sozial-ökonomische Indikatoren – wie zweifelhaft ihr Universalanspruch in Bezug auf das Phänomen Entwicklung auch sein mag – belegen dies. Eine historische Betrachtung möchte freilich der Frage nachgehen, inwieweit die Unterschiede im Ausgangspunkt der Reise liegen und ob sich an den verschiedenen historischen Zwischenstationen ankündigte, wer Schiffbrüchiger werden und wer Seefahrer bleiben würde. Hier finden wir einige der möglichen Kategorien für einen solchen Vergleich. |