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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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4.2.5 Ein peruanischer Marxist – José C. Mariátegui

José Carlos Mariátegui

Der Peruaner José Carlos Mariátegui (1894–1930) findet meist kurze Erwähnung als Mitbegründer der Partido Socialista de Peru (=PSP). Als Journalist und marxistischer Intellektueller leistete er aber auch einen der wichtigsten Beiträge zur Marxismus-Rezeption in Lateinamerika vor der Entstehung der Dependenztheorie. Seine Analysen und Schlussfolgerungen gerieten jedoch nach seinem Tode in Lateinamerika und in Europa weitgehend in Vergessenheit.

José Carlos Mariátegui war ein auto-universitario, ein autodidakter Intellektueller. Auf seiner Reise nach Europa (1920–1923) übten die sozial-revolutionären Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg – vor allem in Italien – nachhaltigen Einfluss auf sein Denken aus. Nach seiner Rückkehr betätigte er sich als Journalist (1926 Gründung der Zeitschrift Amauta) und als führender Aktivist in der Gewerkschaftsbewegung. Zwischen 1926 und 1928 beteiligte sich Mariátegui als Marxist an jener sozialen und politischen Bewegung, die im damaligen Peru bestimmend war: der Alianza Popular Revolucionaria Americana (=APRA) von Victor Raúl Haya de la Torre. Der Bruch Mariáteguis mit dieser populistisch-klassenübergreifenden Bewegung erfolgte 1928 mit der Gründung der Partido Socialista Peruano (=PSP).

Victor Raúl Haya de la Torre

Mariátegui nahm zwar keine explizite Position in den Auseinandersetzungen um die Stalinisierung der kommunistischen Bewegung Ende der 1920er Jahre ein. Seine sozial-revolutionäre Ausrichtung und seine Analysen und Schriften standen jedoch im Gegensatz zu den Dogmen der stalinisierten kommunistischen Parteien. Kurz nach dem Tod Mariáteguis im Jahre 1930 wurde die kommunistische Partei Perus gegründet. Schon wenig später eröffnete diese Partei Kampagnen gegen den mariateguismo.

Die Methoden und universalen Kategorien, die von Karl Marx in der Analyse der westeuropäischen Entwicklung erarbeitet worden waren, vermochte Mariátegui konkret auf die lateinamerikanische Wirklichkeit anzuwenden. Der differenzierte Blick Mariáteguis, der im Gegensatz zu den starren und dogmatischen Übertragungen marxistischer Schablonen durch die kommunistischen Parteien stand, lässt sich besonders in seiner bekanntesten Schrift nachvollziehen: die 1928 erschienenen Siete ensayos de interpretacíon de la realidad peruana (deutsch: Mariátegui, José Carlos (1986): Sieben Versuche, die peruanische Wirklichkeit zu verstehen. Mit einer Einleitung von Kuno Füssel und einem Nachwort von Wolfgang Fritz Haug. Argument/Edition Exodus: Berlin/Freiburg).

Mariátegui analysierte das Gefüge der peruanischen Gesellschaft als eine verwobene Kombination aus:

  • fortdauernden indianischen Sozialstrukturen
  • nicht-kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen im Agrarbereich
  • bürgerlich-kapitalistischer Gesamtkonstitution von Staat, Ökonomie und Klassenstruktur
  • und imperialistischer Unterordnung im internationalen Gefüge

Mariáteguis eingehende Beschäftigung mit der Indígena-Frage ließ ihn bei seinen Lösungsvorschlägen an den kollektivistischen Traditionen der Indígena-Gemeinden anknüpfen. Die politische Ausrichtung Mariáteguis lässt sich so zusammenfassen: Die Umsetzung von Reformen könne nicht in Zusammenarbeit mit der peruanischen Bourgeoisie erreicht werden. Aufgrund ihrer direkten Verbindung mit dem Großgrundbesitz und ihrer Unterordnung gegenüber den Interessen der industrialisierten Länder wohne ihr kein Befreiungspotenzial inne. Eine Lösung der drängenden Probleme sei nur durch eine gleichzeitig agrarische, anti-imperialistische und anti-kapitalistische Umwälzung möglich.

Diese Argumente nahmen die Überlegungen des Dependenztheoretikers André Gunder Frank bereits in der 1930er Jahren vorweg.

Mariáteguis Analysen waren unter anderem in Auseinandersetzung mit den Vorstellungen Victor Raúl Haya de la Torres entstanden.

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