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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.1 Soziale Bewegungen – Definitionen und Blickwinkel

4.1.3 Die normative Ebene – "gute" und "böse" soziale Bewegungen

Verschiedenste Kriterien für den Versuch einer objektiven Analyse von sozialen Bewegungen und für den Vergleich zwischen ihnen können herangezogen werden. Diese Vergleichskriterien ändern jedoch nichts an der Tatsache, dass es sich bei der Annäherung an soziale Bewegungen immer um eine standortgebundene, nicht neutrale Interpretation handelt. Gerade bei den sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts bewegen sich die politischen Haltungen des Betrachters mit.

So zeigt das Vergleichs-Kriterium, das nach den Aufgaben einer sozialen Bewegung fragt: Je nach Standort können die Aufgaben von sozialen Bewegungen verschieden bewertet werden (z. B.: Stärkung der Zivilgesellschaft oder Herbeiführung einer revolutionären Transformation). Folgt man der Logik einer solchen Fragestellung, ist es nicht weit zu einer regelrechten Notenverteilung an soziale Bewegungen – mit dem jeweiligen Landes- und Kontinentsbesten pro Untersuchungsjahr.

So eignet der Annäherung an soziale Bewegungen in Lateinamerika die Gefahr einer objektivistischen Betrachtung von oben: Die Bewegung wird objektivistisch beurteilt, unbeeinflusst davon, welche Motive und Hoffnungen die mobilisierten Menschen haben.

Die Geschichte der sozialen Bewegungen in Lateinamerika muss daher auch als Geschichte von unten geschrieben werden. Dabei stehen die kämpfenden Menschen, ihre Wahrnehmung und ihre Motive im Vordergrund. Soziale Bewegungen werden aus dieser Perspektive aus sich selbst heraus erklärt. Inwieweit die jeweilige soziale Bewegung ihren Aufgaben oder den verschiedensten Kriterien einer Idealbewegung gerecht wird, tritt bei dieser Sichtweise in den Hintergrund. Dies ist nicht zuletzt eine Frage der Angemessenheit: Lateinamerika ist eine Region, in der das Engagement in sozialen Bewegungen ein enormes persönliches Risiko – Verfolgung, Folter und nicht selten den Tod – mit sich bringen kann.

Einer Annäherung an soziale Bewegungen aus der Perspektive einer Geschichte von unten oder gar aus der Perspektive einer engagiert-teilnehmenden Beobachtung wohnt jedoch ein neuerliches Risiko inne: Die Idealisierung und romantische Projektion.

Gerade im 20. Jahrhundert ließe sich die Geschichte der sozialen Bewegungen in Lateinamerika auch als Projektionsvorgang emanzipatorischer Hoffnungen von AktivistInnen aus ganz Europa schreiben (z. B. Solidaritätsbewegungen).

Soziale Bewegungen dienen jedoch nicht per definitionem der Verwirklichung emanzipatorischer Vorstellungen. Sie können Macht- und Unterdrückungsverhältnisse reproduzieren. Dies gilt vor allem für das Fortdauern rassistischer und sexistischer Vorurteile und Praktiken.

Vielfach wird der Begriff soziale Bewegungen synonym für soziale Emanzipationsbewegungen verwendet. Die Unschärfe dieser Konnotation liegt einerseits in der Emanzipationsvorstellung. Diese kann sehr unterschiedlich ausfallen. Darüber hinaus liegt das Ziel vieler sozialer Bewegungen nicht so sehr in der Emanzipation, sondern in der Restauration eines vergangenen Zustandes. Das gilt z. B. für Agrarbewegungen, welche die Wiederherstellung der Besitzverhältnisse vor der Aneignung durch Großgrundbesitzer fordern.

Auch die von manchen Autoren getroffene Unterscheidung zwischen movimientos sociales (Bewegungen auch der besitzenden und herrschenden Klassen) und movimientos populares (auf Bewegungen der Unterschichten beschränkt) ändert nichts an der Standortgebundenheit bei der Beurteilung sozialer Bewegungen. Wo die Grenze verläuft, welche Bewegung sozial oder emanzipatorisch ist, kann nur individuell entschieden werden. Sind etwa folgende Bewegungen auch "soziale Bewegungen"?

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