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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
 up 4.1 Soziale Bewegungen – Definitionen und Blickwinkel

4.1.2 Kriterien zur vergleichenden Betrachtung sozialer Bewegungen

Für eine Annäherung an soziale Bewegungen sind nicht nur die erkenntnisleitenden Grunddefinitionen von Bedeutung. Auch jene Kriterien, anhand deren soziale Bewegungen und revolutionäre Prozesse analysiert und untereinander verglichen werden können, organisieren die Betrachtung und leiten die Interpretation. Diese Kriterien fungieren als Katalog, der folgende Fragen stellen kann:

1.) Ursachen: Anlassursachen und langfristige strukturelle Ursachen sozialer Bewegungen.

2.) Basis/Führung: In vielen apologetischen (Selbst-)Darstellungen von sozialen Bewegungen wird eine Interessenübereinstimmung zwischen der Basis einer sozialen Bewegung und der jeweiligen Führung vorausgesetzt. Interessenunterschiede, Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen den Ansprüchen der in einer Bewegung Mobilisierten und den Haltungen und Handlungen der bestimmenden Figuren einer Bewegung bilden jedoch einen wichtigen Teil der Geschichte der sozialen Bewegungen.

3.) Verlauf: Welchen Verlauf nimmt eine soziale Bewegung bzw. ein revolutionärer Prozess? Lassen sich typische Zyklenmodelle aufstellen? Am Ende des Verlaufszyklus einer sozialen Bewegung eröffnet sich in vielen Fällen eine entscheidende Wegscheide: Integration (in die bestehenden Strukturen) oder Intransigenz (das Beharren auf einem anti-systemischen Ziel). Welche Konsequenzen zeitigt diese Entscheidung?

Für den Verlauf revolutionärer Prozesse spielt die Volksbewegung eine herausragende Rolle. Welchen Druck, welche Dynamik löst die Mobilisierung bäuerlicher, land- und industrieproletarischer Schichten auf den Gang einer Revolution aus?

4.) Methoden: Dabei spielt vor allem die Frage des Einsatzes von Gewalt eine wichtige Rolle.

5.) Rolle von Ideologien/Ideen: Organisatorische und geistige Traditionen sowie der ideologische Referenzrahmen prägen eine soziale Bewegung und die Ansprüche ihres Handelns. Ob basisorientiertes Christentum, die verschiedenen Nationalismen, ethno-politische Ideen (Indigenismus) oder revolutionäre Traditionen (Marxismus, Sozialismus) – Ideen können soziale Bewegungen beschleunigen und radikalisieren, sie können sie aber auch mäßigen und von bestimmten Handlungen abbringen. Eine absolute Beziehung zwischen Ideen und konkreter Bewegung besteht jedoch nicht: So kann eine christliche Basisgemeinde ein radikaleres Handeln entwickeln als eine kommunistische Kaderorganisation.

6.) Hegemonie: Welche Gruppe, welche Fraktion verfügt über die Hegemonie in einer Bewegung? Kommt es zu Hegemoniewechseln? Selbst in jenen sozialen Bewegungen, welche die Vorstellung von Führung, Avantgarde und Hegemonie ablehnen, sind hegemoniale Ideen zu finden.

7.) Epoche: In welchem globalen Umfeld agieren die sozialen Bewegungen? Welche Entwicklungen verändern das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten bzw. zu ihren Ungunsten. Die beiden Weltkriege, die politischen Interessen der USA, die Weltwirtschaftskrise, die Kubanische Revolution, das Aufkommen von Militärdiktaturen, die Verschuldungskrise sowie die neoliberalen Umstrukturierungen – diese Phänomene haben unter anderem die Entstehung, den Verlauf und die Wirkungsmacht von sozialen Bewegungen in Lateinamerika maßgeblich beeinflusst. Alle sozialen Bewegungen im 20. Jahrhundert standen direkt oder indirekt unter dem (heute oft unterschätzten) Einfluss der Russischen Revolution, des Stalinisierungsprozesses in der Sowjetunion und des Zusammenbruchs des Ostblocks im Jahre 1989. So lässt sich z. B. die Herausbildung der Guerilla und anderer radikaler Strömungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur vor dem Hintergrund der konsensorientierten und revolutionsabstinenten Politik der etablierten kommunistischen Kräfte verstehen.

8.) "Wer – Wen?": Wer mobilisiert sich in sozialen Bewegungen für welche Interessen und gegen welche Interessen?

9.) Aufgaben/Sendung: Kann man sozialen Bewegungen objektive historische Aufgaben zuschreiben? Haben sie eine Mission zu erfüllen? Diese Frage rührt an die Grenze der Kriterien, die für eine Annäherung an soziale Bewegungen herangezogen werden können. Denn die Benennung einer Aufgabe ist standortabhängig und setzt einen spezifischen Maßstab für historischen Fortschritt voraus. Vor dem Hintergrund einer zivilgesellschaftlichen Idealvorstellung von Gesellschaft müssen sich die Aufgaben einer sozialen Bewegung anders ausnehmen als auf der Grundlage eines revolutionär-marxistischen Postulats zur Gesellschaftstransformation. Die Gefahr bei einer solchen Annäherung an soziale Bewegungen liegt in einer objektivistischen Punkteverteilung. Dabei würden soziale Bewegungen nicht aus ihrer eigenen Dynamik heraus verstanden werden, sondern einzig nach dem Ausmaß der Erfüllung ihrer Mission bewertet.

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