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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 6 Entwicklungsdiktaturen in Lateinamerika
 up 6.1 Militärdiktaturen in Lateinamerika – ein Überblick

6.1.1 Merkmale und Folgen der Militärdiktaturen

Die von den USA und den anderen Mächten der westlichen Hemisphäre unterstützten Militärdiktaturen entwickelten sich in manchen Ländern zu offen staatsterroristischen Regimen. Erschießungen, Entführungen, das Verschwinden-Lassen von Personen und Folter – die Repressionen richteten sich gegen alle organisierten Gegenkräfte, ganz gleich ob sie sich einer revolutionären Veränderung verschrieben hatten oder reformorientiert waren. Guerilla-Gruppen, Gewerkschaften, ländliche Vereinigungen, linke Parteien, kirchliche Kritiker, Studenten u. a. wurden Opfer der Repressionswelle. Allein in Argentinien fielen an die 30.000 Menschen der Diktatur (1976–1983) zum Opfer. In den 1970er Jahren wurden die sozialen Bewegungen Lateinamerikas ihrer erfahrenen, theoretisch versierten und organisatorisch führenden AktivistInnen beraubt.

Die Militärdiktaturen brachen mit dem klassenübergreifenden populistischen Konsens, der die Industrialisierungskonzepte seit den 1930er Jahren begleitet hatte. Die Modernisierung sollte ohne die Ansprüche der unteren Klassen vorangetrieben und deren Widerstände gebrochen werden. Vor allem sollten die strukturellen Interessen der Besitzenden nicht weiter in Frage gestellt werden. Dies galt vor allem für die Landfrage. Zusammenfassend lässt sich sagen: "[...] daß die Militärdiktaturen auf dem Felde der Wirtschaftspolitik als bewaffneter Arm des nationalen und internationalen Kapitals dienten. Sie verteidigten die Klasseninteressen der Besitzenden, die unter Druck geraten waren." (Sterr, Albert: Einleitung. In: Sterr, Albert (ed.): Die Linke in Lateinamerika. Analysen und Berichte. ISP/ Rotpunktverlag: Köln/Zürich: 35) In diesem Sinne lassen sich die Militärdiktaturen als anti-revolutionäre Regime definieren.

Den Boden sozialer Ungleichheit, der die sozialen Bewegungen nährte, konnten die Militärdiktaturen nicht beseitigen. Sie gerieten in vielen Fällen unter den Druck sich neu organisierender Bewegungen (MenschenrechtsaktivistInnen, Frauennetzwerke, christliche Basisgemeinden, wilde Streiks, neue Gewerkschaften). Darüber hinaus vergrößerten die Industrialisierungsmaßnahmen der Militärdiktaturen das städtische Proletariat und damit das oppositionelle Potenzial. Spätestens mit den ökonomischen Krisen seit Beginn der 1980er Jahre hatten sich die Militärs auch als Träger einer nachholenden Entwicklung diskreditiert.

Krise der Diktaturen und Demokratisierung

Die Demokratisierung in den 1980er Jahren (transición) ging in vielen Länder auch mit dem Ende einer schuldenfinanzierten und binnenorientierten Industrialisierungsstrategie einher. Die neoliberale Umstrukturierung und die entsprechenden staatlich organisierten Sparmaßnahmen sollten zivilen Regierungen überlassen werden.

Den Militärdiktaturen hafteten darüber hinaus die Mängel aller bürokratisch-autoritären Regime an: Ineffizienz, Korruption und hohe Kosten. Nicht zuletzt eignete ihnen die Tendenz, sich als Apparat soweit zu verselbstständigen, dass damit die Interessen der Besitzenden sowie der politischen Unterstützer in den USA und in Europa bedroht waren. Das galt sowohl für den ökonomischen Bereich (parasitäre Selbstbedienung der militärischen Kaste) als auch für den politischen (z. B. der Malvinas-Konflikt 1982 zwischen Argentinien und England, die Atomprogramme Brasiliens und Argentiniens, die Causa Noriega etc.).

Die nachhaltige und bis heute nicht überwundene Schwächung der lateinamerikanischen sozialen Bewegungen – Guerillas, kämpferische Gewerkschaftsführer, Bauernaktivisten, revolutionäre Kader sowie die intellektuellen Träger einer sozialrevolutionären Veränderung waren buchstäblich liquidiert worden – begünstigte in gewissem Sinne die Rückkehr zur Demokratie. Aus der Sicht der Eliten hatten die sozialen Bewegungen in Folge der Repression ihre Fähigkeit, die Gesellschaftsstrukturen herauszufordern, eingebüßt. Der Übergang zur Demokratie schien daher ungefährlich. Der Zusammenbruch des Ostblocks im Zäsur-Jahr 1989 verschob zudem die Kräfteverhältnisse global und fundamental zu Ungunsten gesellschaftsverändernder Perspektiven.

So verlief die Demokratisierung in Lateinamerika zeitlich parallel zur Durchsetzung des neoliberalen Paradigmas auf ökonomischer Ebene. Die sozialen Bewegungen vermochten trotz des wiedergewonnenen demokratischen Handlungsspielraums diese Entwicklung (und ihre sozialen Folgen) nicht zu stoppen.

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