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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 6.2 Das Beispiel Brasilien

6.2.3 Der Übergang zur formalen Demokratie – keine Lösung der Agrarfrage

Bei den Präsidentschaftswahlen 1985 siegte der oppositionelle Tancredo Neves mit überwältigender Mehrheit. Mit ihm übernahm seit dem Putsch das erste Mal eine zivile, demokratisch (jedoch nicht direkt) gewählte Regierung das Präsidentenamt. Neves verstarb aber noch vor seiner Amtsübernahme. So trat Vizepräsident José Sarney verfassungsgemäß die Nachfolge von Neves an.

Sarney regierte von 1985 bis 1990. Die Großgrundbesitzer sabotierten die während der Regierungszeit Sarney entworfenen Pläne zur Agrarreform mit Hilfe bewaffneter Milizen; auf der anderen Seite organisierten sich mit kirchlicher Unterstützung die Landlosen.

Am 13.5.1988 feierte das weiße Brasilien 100 Jahre Abschaffung der Sklaverei. Die Verbände der Schwarzen, linke Parteien und Teile der Kirche verwiesen jedoch gleichzeitig auf die noch immer geführte Randexistenz der schwarzen Bevölkerung.

Im Jahre 1988 wurde die neue Verfassung verabschiedet – die fünfte in diesem Jahrhundert. Eine Lösung des drängenden Agrarproblems ist weiterhin nicht absehbar.

Chico Mendes

Die nicht gelöste Agrarfrage und die allgemeine Gewalt in den ländlichen Regionen erlangt am 22. Dezember 1988 weitreichendere Aufmerksamkeit, als der international bekannte Chef der brasilianischen Kautschukzapfer, Chico Mendes, im Bundesstaat Acre Opfer eines Mordanschlags wurde.

In Brasilien kam es zur Herausbildung einer Massenbewegung für eine radikale Landreform: Die Bewegung der Landarbeiter ohne Boden (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra [=MST]) feierte 1989 bereits ihr zehnjähriges Bestehen. Ihr konsequentes und radikales Auftreten, ihre Orientierung an kollektiven Aktionsformen und Lösungen (Genossenschaften) und ihre über den partikularen agrarischen Bereich hinausgehenden politischen Forderungen ließen sie zu einer gesamtgesellschaftlich relevanten sozialen Bewegung aufsteigen. Sie steht stellvertretend für einen Radikalisierungs- und Politisierungsprozess vieler Agrarbewegungen in Lateinamerika. Die MST wuchs über den eingeschränkten Rahmen einer partikularen und dezentralen Organisation nach dem Bilde der Neuen Sozialen Bewegungen hinaus und wurde zu einer Massenbewegung mit einem allgemeinen gesellschaftsverändernden Anspruch.

Weiterführende Informationen: [Link Ursula Prutsch]

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