Logo
Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste

Entwicklungsdiktaturen in Lateinamerika

Die seit den 1960er Jahren entstandene Dependencia-Theorie erklärte die Unterentwicklung in Lateinamerika mit der abhängigen Unterordnung Lateinamerikas in der internationalen Arbeitsteilung. Ausfluss dieser Unterordnung war die Herausbildung eines (agrar-)exportorientierten Wirtschaftsmodells. Das verhinderte Landreformen, Industrialisierung, die Herausbildung eines Binnenmarktes und soziale Reformen. Die Vorschläge zur Veränderung der deformierten Strukturen in den Ökonomien Lateinamerikas gingen jedoch auseinander: Einerseits plädierten reformorientierte, dem CEPALismo verpflichtete Konzepte für eine binnenorientierte Industrialisierung und soziale Reformen. Radikalere Stimmen sprachen sich für die Abkoppelung (Dissoziation) vom Weltmarkt aus oder optierten für eine panamerikanische soziale Revolution.

Die bekannteste dieser radikalen Stimmen war jene Andre Gunder Franks. Er legte jedoch nicht nur Untersuchungen über die von außen bestimmten Ursachen der Unterentwicklung in Lateinamerika vor. Auch die Innenseite der Unterentwicklung ließ er in seine Überlegungen einfließen. Dabei machte er eine wichtige Ursache für die Entwicklungsblockade in Lateinamerika aus: Das politische Verhalten des nationalen Bürgertums. Es ist in seinen Akkumulationsinteressen den Vorgaben der Kapitalbesitzer in den Metropolen untergeordnet und lukriert seinen Profit aus dem Fortdauern entwicklungshemmender Strukturen (z. B. ungleiche Landverteilung). Das abhängige Bürgertum kann damit nicht zum Träger einer Modernisierung werden, vor allem wenn deren Umsetzung seine Interessen tangiert. Damit stellt sich dieses Bürgertum auch vehement gegen die Forderungen von Bauern, Land- und Industriearbeitern – ungleiche Landverteilung, niedrige Löhne und ungeschützte Arbeitsbedingungen bilden für diese bürgerlichen Eliten schließlich die Grundlage des Erfolges am Weltmarkt. Dadurch verliert die lateinamerikanische Bourgeoisie für Frank den Nimbus von Fortschrittsträgern und verkommt zur Lumpenbourgeoisie.

Um dem Druck zu begegnen, der in sozialen Bewegungen aufgebaut wurde, und um ihre Interessen zu wahren, greift die Lumpenbourgeoisie auf das Mittel der Diktatur zurück. Diese soll eine Modernisierung des Landes nach den Bedingungen der traditionellen Eliten vollziehen. Das bedeutet: Von Auslandskapital getragene Industrialisierung, Ausbleiben einer Landreform sowie eine – mangels Massennachfrage – nur geringe Expansion des Binnenmarktes.

Die seit dem Ende der 1960er Jahre auftretenden Militärdiktaturen in Lateinamerika können die von Frank geäußerten Zusammenhänge illustrieren. In Brasilien z. B. setzte die Militärdiktatur 1964 ein, in Argentinien konnten die Generäle von 1966 bis 1973 und von 1976 bis 1983 die Macht inne haben.

Auch die Führer der populistischen Regime nach der Weltwirtschaftskrise entstammten oftmals militärischen Kreisen – viele dieser Regime lassen sich durchaus als Militärdiktaturen bezeichnen. Getragen wurde der populistische Herrschaftstypus jedoch oft von nationalistisch gesinnten mittleren Offizieren. Aus dem Kleinbürgertum entstammend förderten sie jene Emporkömmlinge, denen die populistische Integration der unteren Klassen gelang. Sie verfügten bei den unterprivilegierten Klassen über eine soziale Basis.

Die Militärdiktaturen seit dem Ende der 1960er Jahre erhielten ihren Impuls stärker von oben: Hohe Offiziere und Generäle, die den alten Familien der Oligarchie entstammten (und damit durchwegs der "Lumpenbourgeoisie" angehörten), ergriffen die Macht. Ihr Ziel war es, Ruhe und Ordnung im Sinne der Verwertungswünsche von in- und ausländischem Kapital wiederherzustellen.

Das direkte Eingreifen der Militärs in die politischen Belange ihrer Länder hat verschiedene Programme und politische Strategien gefördert, die unter Federführung der USA seit der Kubanischen Revolution ausgearbeitet worden waren. Dazu gehören die Civic-Action-Programme und die Counterinsurgency-Strategie.

Anhand des Beispiels Brasilien widmet sich dieser Abschnitt folgenden Themen:

 down 6.1 Militärdiktaturen in Lateinamerika – ein Überblick
 down 6.2 Das Beispiel Brasilien
Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"