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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation

5.3 Immanuel Wallerstein und die Weltsystemtheorie – die Erweiterung zum globalen Blick

Die Impulse der Dependenztheorie und die Gedanken Andre Gunder Franks flossen auch in die Formulierung der Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins (1930– ) ein. Daneben spielt das Werk des französischen Historikers Fernand Braudel (1902–1985) eine wesentliche Rolle in den Gedanken Wallersteins. Die dritte wichtige Quelle für Wallersteins Weltsystemtheorie ist der Marxismus.

Immanuel Wallerstein forschte ursprünglich als Afrikanist und Kolonialhistoriker. Mit den bisher erschienenen drei Bänden des Modern World System legte er anhand einer historischen Darstellung den Referenzrahmen für die Debatte um die Weltsystemtheorie vor.

Immanuel Wallerstein vollzieht in der Diskussion um die Frage "Warum Unterentwicklung?" einen Perspektivenwechsel. Vor dem Hintergrund einer polit-ökonomischen Analyse wählt er einen weltweiten und historisch umfassenden Blick, der die Herausbildung des Kapitalismus als globales Phänomen ins Auge fasst.

Das kapitalistische Weltsystem bildete sich im langen 16. Jahrhundert (1450–1640) in Europa heraus. Ohne die europäische Expansion wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen. Die Expansion des kapitalistischen Weltsystems bedeutet die fortschreitende Aneignung von Natur, Räumen, Ressourcen und Menschen und deren Unterwerfung unter die Logik der Kapitalakkumulation (Kommodifizierung).

Wallersteins Analyse konzentriert sich weniger auf die Produktionsverhältnisse (Arbeitsorganisation, Ausbeutungsformen etc.) als auf den Austausch, d. h. den Welthandel und seine asymmetrischen Strukturen. Diese asymmetrischen Strukturen spiegeln sich in der Hierarchie der Staaten wider, die sich in Zentren, Semiperipherien und Peripherien gruppieren. Die Länder des Zentrums und der Peripherie sind relativ stationär, d. h. sie verharren in ihrer (über- bzw. untergeordneten) Stellung in der internationalen Arbeitsteilung. Die Semiperipherien verkörpern hingegen das bewegliche Element. Der Auf- und Abstieg dieser Länder lässt sich am Beispiel der so genannten Schwellenländer illustrieren.

Das Auffüllen der Begriffe Zentrum, Peripherie und Semiperipherie mit empirischem Material nimmt einen wichtigen Platz in den Diskussionen um die Weltsystemtheorie ein, wobei Auf- bzw. Abstiegsentwicklungen einzelner Länder genauso untersucht werden, wie die Abfolge von Hegemonialmächten (z. B. die Ablöse Großbritanniens im 20. Jahrhundert durch die USA). Darüber hinaus bestehen Zentrum-Peripherie Beziehungen innerhalb der Länder des Zentrums und der Peripherie bzw. innerhalb eines einzelnen Landes (z. B. der strukturelle Unterschied zwischen Stadt und Land in den Ländern der Peripherie). In Wallersteins Untersuchung zur Geschichte der Neuzeit fungieren die Länder Nordwesteuropas (England, Frankreich, Holland) als klassische Zentrumsbeispiele, Lateinamerika nach dessen Eroberung oder Polen (Agrarexportland unter andauernder Fremdherrschaft) als Beispiele peripherer Länder. Länder wie Spanien und Portugal hingegen gelten als Prototypen der Semiperipherie, da sie trotz ihrer Rolle als Kolonisatoren nicht in der Lage waren, einen eigenen Kapitalkreislauf über einen produktiven Sektor aufzubauen.

 down 5.3.1 Zyklen im Weltsystem
 down 5.3.2 Kritik an der Weltsystemtheorie
 down 5.3.3 Die Theorie des kapitalistischen Weltsystems im O-Ton
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