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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
 up 5.2 Die Dependencia-Schule
 up 5.2.2 Andre Gunder Frank – die radikal-politische Strömung der Dependencia

5.2.2.1 Entwicklungsblockaden im Inneren – die Lumpenbourgeoisie

Von besonderer Bedeutung ist Franks politische Analyse der im 20. Jahrhundert bestehenden Möglichkeiten von Entwicklung. Hier verlagert sich der (für die Dependenz-Theorie typische) Blick von den äußeren Faktoren der Unterentwicklung auf die inneren Hindernisse von Entwicklung. Den Grund für die endogenen Entwicklungsblockaden sieht Frank in den Interessen und Haltungen der lateinamerikanischen Bourgeoisien. Sie sind ökonomisch den Interessen der metropolitanen Bourgeoisien untergeordnet und begehren gegen jede strukturelle Modernisierung (z. B. Landreformen) auf. Mit ihnen ist weder Staat noch Entwicklung zu machen. In Anlehnung an den Begriff des Lumpenproletariats nannte Frank dieses Form des lateinamerikanischen Bürgertums Lumpenbourgeoisie. Deshalb optierte Frank für eine gesellschaftsverändernde (sozialistische) Entwicklungsalternative.

Unter Rückgriff auf die Theorie der Permanenten Revolution von Leo Trotzki (1879–1940) wendete sich Frank damit gegen die seit der Stalinisierung von den kommunistischen Parteien vertretene Doktrin der Etappen: Danach sollten die Länder Lateinamerikas in einem Bündnis von Arbeitern, Bauern und "fortschrittlicher Bourgeoisie" bzw. "nationalem Bürgertum" zuerst eine kapitalistische Modernisierungsphase durchlaufen. Eine soziale Revolution könne erst nach Absolvieren dieser Etappe anvisiert werden.

Diesen (in der deutschsprachigen Diskussion wenig beachteten) Aspekt seiner Arbeit präzisierte Frank besonders in seiner Schrift Lumpenbourgeoisie et Lumpendévelopment (englisch: Frank, Andre Gunder (1972): Lumpenbourgeosie: Lumpendevelopment. Monthly Review Press: New York).

Den Zusammenhang von Abhängigkeit und internen Klassenstrukturen fasst er dabei vor dem Hintergrund der historischen Genese folgendermaßen zusammen:

"1) Die Conquista plazierte ganz Lateinamerika in eine Position wachsender Subordination und wirtschaftlicher Abhängigkeit kolonialer und neokolonialer Form gegenüber dem einheitlichen Weltsystem des expandierenden Handelskapitalismus.

2) Diese Beziehung hat die Wirtschafts- und Klassenstrukturen und selbst die Kultur im Herzen der lateinamerikanischen Gesellschaft geformt und transformiert. Diese nationale Struktur transformiert sich somit in Funktion der periodischen Veränderungen der Formen kolonialer Abhängigkeit.

3) Diese Struktur bestimmt sehr direkt die Klasseninteressen des dominanten Teils der Bourgeoisie. Indem sie sich die Regierungsorgane und andere Instrumente des Staates zunutze macht, produziert dieser Teil der Bourgeoisie für die lateinamerikanische ,Nation und das lateinamerikanische Volk Politiken der Unterentwicklung im ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Bereich" (zit. nach: Hein, Wolfgang: Andre Gunder Frank (1929– ). Metropolen, Satelliten und das Weltsystem. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez300-8.htm (13.01.03))

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